Die Beurteilungskriterien und
die Methodik der bundesdeutschen
"Sektenpolitik"
 am Beispiel der Amtskirchen

 Die Absurdität der Beurteilungskriterien und Vorgehensweisen in der "Sektenfrage" wird umso deutlicher, wenn man sich die Tatsache vor Augen hält, daß die amtskirchlichen Interessen in der bundesdeutschen Diskriminierungspolitik gegen neuere religiöse Gemeinschaften nicht nur verdeckt, sondern größtenteils ganz offen zu Tage treten.

Erinnert sei daran, daß nicht nur ausgewiesene amtskirchliche Apologeten in der Bonner Enquete ihren festen Platz gefunden haben. Die Enquete-Vorsitzende selbst, Ortrun Schätzle, entstammt dem katholischen Beziehungsgeflecht; die SPD-Obfrau Renate Rennebach, die das Bonner Tribunal gegen Minderheitsreligionen initiiert hat, sitzt in der Evangelischen Synode von Berlin-Zehlendorf.

 Würde man die hier umrissenen "Vorgaben", Bewertungsmaßstäbe und Vorgehensweisen zur Belegung der "Gefährlichkeit" einer religiösen Minderheit an denjenigen zur Anwendung bringen, die diese Maßstäbe ursprünglich in die Welt gesetzt haben, nämlich den Amtskirchen, dann hätte die Bundesregierung fürwahr ein Betätigungsfeld zur Erstellung "staatlicher Maßnahmen", um das sie nicht zu beneiden wäre.

 Dies soll im folgenden an einigen Beispielen in der Kategorie "Amtskirchen" illustriert werden.

Diese Beispiele dienen nicht dazu, die betroffenen Mitglieder der Enquete oder andere mit der sogenannten Sektenthematik betraute Politiker oder Gremien über etwas aufzuklären, was sie genaugenommen ja bereits wissen.

Diese Beispiele dienen auch nicht dazu, darzulegen, daß die Amtskirchen das sind, was sie anhand folgender Ausführungen zu sein scheinen. Vielmehr soll dem interessierten Leser aufgezeigt werden, welches "Horror-Szenario" sich ergibt, wenn man die ausschließlich für "Sekten" und Scientology praktizierten Beurteilungskriterien und "Sichtweisen" einmal auf ihre Erfinder bzw. auf eine beliebige andere Gruppierung anwendet:

 I.

 Einer der gern erhobenen pauschalisierten Vorwürfe - und eine der Prämissen, auf denen die Enquete ihre Arbeit aufbaut - ist die unterstellte "psychische Gefährdung", die "Psychomutation", der Mitglieder neuerer Religionsgemeinschaften angeblich ausgesetzt sind, die "destruktiven Auswirkungen der Mitgliedschaft in einer Psychosekte" allgemein, "bis hin zum Selbstmord", wie der ehemalige "Sektenbeauftragte" der evangelisch-lutherischen Landeskirche Bayern, Friedrich-Wilhelm Haack, so gern konstatierte.

 Bereits 1964 berichtete der Berliner Arzt Klaus Thomas in seinem Handbuch der Selbstmordverhütung von 322 kirchlichen Amtsträgern beider Hauptkonfessionen, die sich allein in der ärztlichen Lebensmüdenbetreuung Berlin aufgrund von "ekklesiogenen Neurosen" einer Behandlung unterzogen hatten.

Dieser Begriff bezieht sich offiziell auf das krankmachende Wirken der Kirche. Gemeint ist nicht die Scientology Kirche, auch nicht die Vereinigungskirche, gemeint sind die katholische und die evangelische Kirche. Im Jahre 1989 veröffentlichte dieselbe Berliner Stelle in der Zeitschrift "Sexualmedizin" (8/89) eine Statistik, wonach sich innerhalb einiger Jahre unter insgesamt 22.000 behandelten Patienten 1500 kirchliche Amtsträger befanden, davon allein 900 Pfarrer, diese wiederum weit überwiegend evangelischer Provenienz. 120 Mitglieder dieses Personenkreises befanden sich unmittelbar nach einem Selbstmordversuch in Behandlung, 550 nach diagnostizierter Selbstmordgefahr. 60 % der behandelten kirchlichen Amtsträger kamen allein aus dem Raum Berlin-West. Dieser statistische Umstand läßt erahnen, wie sich eine deutschlandweite Erhebung ausnehmen würde.

 Dr. Thomas wörtlich: "Das Ausmaß des Elends in diesem Bereich ist unermeßlich."

 Unter der Überschrift "Immer mehr Geistliche depressiv" berichtete 1992 der Südkurier über eine Fachtagung "Psychologie und Religion" in Turin. Geistliche der Großkirchen würden nach medizinischen und psychologischen Erhebungen zunehmend unter Hysterie und Depressionen leiden, die häufig einen sexuellen Hintergrund hätten oder aus dem engen Zusammenleben in der religiösen Gemeinschaft entstünden. Ähnliches weiß auch eine bekannte Klinik in den USA zur Behebung von "Sex-Sucht" im Mai 1997 in zahlreichen Zeitungen zu berichten. Die häufigsten Patienten seien Ärzte, Geistliche und Regierungsangestellte.

 Und: Nach Schätzungen von "Experten" seien mindestens 10 % der deutschen Gottesmänner suchtabhängig - Alkoholiker in der Regel.

 Ex-Priester Alfons Kraus beschreibt in seinem Buch "Für einen gefallenen Engel beten sie nicht" die analoge Situation von Ordensschwestern: Als "entpersonalisierte" Wesen würden sie oft beim Psychiater landen.

Bei nicht wenigen Geistlichen der Amtskirchen führt der Leidensweg auch tatsächlich "bis hin zum Selbstmord". Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die eigenwillige Wegerklärung dieses Phänomens bei den Amtskirchen und in den Medien: Nachdem sich beispielsweise ein 39jähriger Pastor aus Sylt vor einen Zug geworfen hatte - bei weitem kein Einzelfall - durfte ein Kollege unwidersprochen in den Medien feststellen: "Die Trauer über das Leid in der Welt hat ihn überwältigt". Oder: "Streß: Pastor erhängte sich im Glockenturm" (Bild 3. 2. 1998). Er habe zwei Gemeinden gleichzeitig betreuen müssen; das sei ihm dann zuviel geworden, so die Zeitung.

 Einer korrekten Einschätzung der Lage dienlicher ist da schon eher - macht man sich die Vorgehensweisen der "Sektenkritiker" zu eigen - die Äußerung eines oberbayerischen Pfarrers, wie sie im Stern nachzulesen war: "Da sind oberhirtliche Anweisungen, die mich bis in die Träume verfolgen und Angst machen - Ich hoffe, ich schaffe bald den Schritt heraus aus dieser Geisterbahn."

 Wo ist hier der Ruf der Politik und der Bonner Enquete nach einem "Opfer-Fonds" und nach "neuen Gesetzen"? Es ist wohl eher unwahrscheinlich, daß sich Bayerns "qualifizierte Opferberatung", die unter der Obhut des Sozialministeriums als sogenannter Modellversuch läuft, auch amtskirchlichen "Opfern" und "Aussteigern" annimmt.

 Aber: Wenn sich auch nur ein einziges und noch dazu ehemaliges und "einfaches" Mitglied einer neuen Religionsgemeinschaft das Leben nimmt - was durchweg selten passiert und den statistischen Durchschnittswert der Selbsttötungen in anderen Bevölkerungsgruppen auch nicht annähernd erreicht - treten die "Sektenbeauftragten" der Amtskirchen und Politiker auf den Plan. Das Schlagzeilen-Resultat: "Die Sekte hat ihn in den Tod getrieben."

 Das "psychische Gefährdungspotential" der Amtskirchen, um mit den Worten und der "Logik" von Regierungsstellen zu sprechen, beschränkt sich selbstverständlich nicht auf amtskirchliche Funktionsträger.

 Jedes Jahr scheiden weit über 10.000 Christen in der BRD freiwillig aus dem Leben, weltweit Hunderttausende. Eine bloße Statistik. Kein Mensch käme auf die Idee, deswegen strafrechtlich gegen die Diözesen oder die Landeskirchen vorzugehen oder die Amtskirchen als "Selbstmordkulte" einzustufen - auch wenn dies, legt man dieselbe Meßlatte an, wie sie an die neuen Religionsgemeinschaften angelegt wird, zwingender Schluß wäre.

Nicht wenige dieser Selbstmorde weisen einen unmittelbar religiösen Hintergrund auf. Hierbei ist wieder auf die Erhebungen der ärztlichen Lebensmüdenbetreuung Berlin zu verweisen. Ihren Angaben nach wurden neben den erwähnten kirchlichen Funktionsträgern weitere 1500 "einfache" Mitglieder der Kirchen wegen ekklesiogener Neurosen behandelt, somit ergibt sich insgesamt ein "kirchlicher" Anteil von 43 % bei insgesamt 7000 diagnostizierten Neurosen im Erhebungszeitraum. Laut dem bereits zitierten Fachblatt geben niedergelassene Ärzte, die bei der Erhebung von Neurosen auf ekklesiogen Erkrankte achten, deren Anteil meist mit "10 bis 15 %, einzelne mit bis zu 50 % an". Als bundesdeutsche Mindestzahl der ärztlich behandlungsbedürftigen neurotisch Kranken wird dabei von 3.000.000 ausgegangen. Somit kann von 500.000 "amtskirchlich Geschädigten" ausgegangen werden. Auf ein paar Hunderttausend mehr oder weniger kommt es hier offensichtlich auch nicht an. Selbst nur 5.000 so Betroffene würden prozentual wie absolut bereits alles in den Schatten stellen, was den neuen Religionsgemeinschaften pauschal und ohne wissenschaftliche Erhebungen angelastet wird.

 Glaubt man den einschlägigen Quellen, dann füllen die durch christliche Glaubensvorstellungen verursachten psychischen Deformationen bei Mitgliedern das gesamte Spektrum zwischen neurotischer Selbstschädigung und wahnhafter psychopathischer Schädigung von Mitmenschen aus.

 Da lassen sich philippinische Christen zu Ostern an Holzkreuze nageln oder geißeln sich mit Bambusstöcken; ein strenggläubig katholisches Ehepaar im niederbayrischen Regen treibt den Teufel aus seinem Haus, indem es dieses anzündet und dabei nackt im Garten herumtanzt; ein 6jähriges Mädchen läßt sich von einem Zug zerfetzen, um mit der an Krebs sterbenden Mutter "gemeinsam bei den Engeln zu sein"; ein Mann springt mit der Bibel unter dem Arm in das Löwengehege eines Zoos; eine Hamburger Gläubige erschlägt eine Rentnerin während der Messe mit der Axt, weil diese ihr "den Betstuhl streitig gemacht hatte"; oder: "Faustschlag ins Gesicht des Dorfpfarrers - Schon die dritte Gewalttat eines katholischen Fanatikers", konstatiert da eine Zeitung. Jeweiliger Anlaß: Nicht alle Meßdiener hatten sich beim Segen niedergekniet!

 Auch diese Aufzählung ließe sich endlos fortsetzen. Aber wenn ein Mann, der sich als "Ich bin Jesus" ausgibt, ein kleines Kind totfährt - im "religiösen Wahn", dann kann sich der örtliche Pfarrer das "überhaupt nicht erklären", wie eine Zeitung schrieb. Unter den für "Sekten" geltenden Maßstäben ist das alles sehr leicht erklärbar.

 Vielleicht weniger spektakulär, aber umso symptomatischer sind laut etlicher Kritiker die ungezählten Leidensgeschichten derer, die sich stumm ihrem erzwungenen amtskirchlich-christlichen Schicksal ergeben, ohne Ausweg und ohne Hoffnung. Der Brief einer jungen Frau aus Baden-Württemberg an den Theologen Drewermann faßt im Telegrammstil ein Leben zusammen, das nie eines war: "Vorbelastung durch neun Jahre Klostergymnasium - Mißbrauch durch Benediktiner bei Exerzitien - mit 16 durch einen Vatikan-Angehörigen bei einer Rom-Pilgerfahrt mißbraucht - dazwischen schwere psychosomatische Erkrankungen."

 Fest steht: Die Tatsache religiös motivierter und oftmals krimineller Wahntaten wie auch die Tatsache schwerster seelischer Schädigungen bei einer nicht kleinen Anzahl von Anhängern der christlichen Großkirchen, ausgelöst durch die jeweilige Einbindung in das Glaubenssystem, bedürfen keiner eigenen Beweisführung. Sie sind tausendfach bezeugt. Hingegen gibt es weltweit keine einzige wissenschaftlich haltbare Analyse, die hinsichtlich der "Folgen einer Mitgliedschaft" bei den neuen Religionsgemeinschaften auch nur annähernd ein derart erschreckendes Szenario zeichnet, wie es für die christlichen Kirchen unter den genannten Kriterien als erwiesen angesehen werden muß.

 Aber sind diese "Opfer" auch wirklich repräsentativ? Oder nicht eher doch die Ausnahme? Unter den für "Sekten" geltenden Maßstäben sind sie natürlich repräsentativ, ganz egal, was die Amtskirchen sagen!

 Nur allzu oft wird auch übersehen, daß auch Jonestown, Waco oder die Schweizer Sonnentempler - soweit es sich tatsächlich um Selbstmorde handelte - einen eigentlich unübersehbaren aber gern vertuschten gemeinsamen Nenner aufweisen: Ihre Führer und Anhänger waren allesamt überzeugte und "bibelfeste" Christen. Die geistige Verwandtschaft mit solchen und ähnlichen verirrten Schäflein nicht nur abzuleugnen, sondern diese auch noch Bewegungen wie Hare-Krishna oder den Scientologen zu unterstellen, ist schon eine Dreistigkeit, die ihresgleichen sucht.

 Dies hielt die "Sektenbeauftragten" der Amtskirchen jedoch zu keinem Zeitpunkt davon ab, in Hunderten von Interviews und Artikeln genau dieses Konstrukt herzustellen. Den Luxus, die Wahnsinnigen in den eigenen Reihen - vom "Teufel" Manson über den Killer John Lennons bis hin zu "Jesus" Jim Koresh aus Waco - grundsätzlich als "Sektierer" oder "Fundamentalisten" bezeichnen zu dürfen und damit von den eigentlichen Wurzeln der jeweiligen Täter und Taten abzulenken, können sich offenbar nur Weltreligionen leisten. Für kleinere Gemeinschaften bleibt in der Regel nur der Rückzug in die globale Sippenhaft, in die "Kollektivschuld".

Daß es immer wieder und ausschließlich überzeugte Anhänger eines christlichen Apokalypseglaubens sind, die sich kollektiv das Leben nehmen, zeigte sich zuletzt auch bei den Vorgängen um die "Himmelstor"-Gemeinschaft in San Diego, Kalifornien.

Da hilft auch kein Hinweis, daß "das nichts mehr mit Christentum zu tun" habe, wie ein Pfarrer hilflos meinte. Mit was hat es dann zu tun, unter den geschilderten Kriterien? Unter den für "Sekten" geltenden Bedingungen ist selbst der Assoziationssprung vom kollektiven Massenselbstmord bei Masada 72 n. Chr. zur christlichen Bewegung in Taizé ein Kinderspiel.

 Die Mitglieder der Enquete und die Bundesregierung mögen sich ehrlich fragen:

Wie hätten sie wohl reagiert, wenn der junge Mann im Löwengehege statt der Bibel ein Dianetik-Buch von L. Ron Hubbard bei sich gehabt hätte?

 Mit welcher "Trauer und Bestürzung" und mit welchen Verbotsforderungen hätten sie wohl auf den siebenfachen Mörder und Selbstmörder Johann Gautsch reagiert, wenn dieser nicht Christ, sondern Scientologe gewesen wäre, und wenn er bei seinem tödlichen Amoklauf in Österreich Ende 1997 nicht schriftliche Bemerkungen mit christlich besetzten Begriffen hinterlassen hätte, sondern stattdessen welche mit scientologischer Nomenklatur?

 Wie hätten sie reagiert und agiert, wenn Jim Koresh ein Anhänger der Transzendentalen Meditation gewesen wäre, und nicht ein überzeugter Christ, der die Bibel auswendig rekapitulieren konnte?

 Und: Wie hätten sie sich wohl dazu gestellt, wenn ein Scientologe einen anderen mit der Axt erschlagen hätte, weil dieser ihm "seinen Sitzplatz in der Kirche" streitig machte?

 Würde dann der Hinweis, daß das "nichts mit Scientology zu tun habe" auch genügen?

Mit welchem Recht also glauben amtskirchliche Funktionäre das "psychische Gefährdungspotential" sogenannter Sekten anprangern zu dürfen?

Und mit welchem Recht glauben Politiker, die mehrheitlich das große "C" im Parteinamen vor sich hertragen oder sich zumindest als gläubige Christen bezeichnen, an dieser grotesken Verdrehung der Fakten teilnehmen zu müssen?

 Auch nur eine oberflächliche Auswertung der Tatsachen - etwas anderes soll hier nicht versucht werden - zeigt deutlich auf, daß der zugrundegelegte Maßstab in der Beurteilung des "psychischen Gefährdungspotentials" sogenannter Sekten eine wesentliche Achillesferse aufweist: Würde er auf die Amtskirchen zur Anwendung kommen - ganz zu schweigen von anderen "akzeptierten" gesellschaftlichen Gruppierungen - müßten diese zwangsweise staatlich "bekämpft" werden, ihr Wirken müßte "eingedämmt", ihre Mitglieder zu Menschen 2. Klasse abgestempelt werden, so wie es Scientologen tagtäglich passiert.

 Wir alle aber wissen, daß überzeugte Katholiken oder Protestanten und Christen allgemein nicht wirklich dem obig gezeichneten Bild entsprechen. Sie haben keinen Schaum vor dem Mund, und viele sind wahrscheinlich mit ihrem Leben und mit ihrer Religion sehr zufrieden - Umstände, die zweifelsohne auch Anhänger neuerer Religionsgemeinschaften für sich reklamieren können.

 Ergo: Die "Achillesferse" ist der Maßstab selbst, seine offensichtliche Untauglichkeit - unabhängig davon, auf welche Gruppierung er Anwendung findet.

 II.

 Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Vorwurf der "Kriminalität", der "kriminellen Vereinigung", der "systemrelevanten" oder "systemimmanenten" Kriminalität (ein zum Beispiel von dem Enquete-Mitglied Ursula Caberta favorisiertes Konstrukt, wonach angenommene Straftaten einzelner Scientologen ihre Ursachen und Motive in deren Scientology-Mitgliedschaft hätten).

 Blickt man unter den für Sekten geltenden Maßstäben auf die großen Kirchen, dann ergibt sich in puncto Kriminalität ein düsteres Bild.

 Die Liste der nicht nur beschuldigten, sondern auch verurteilten Straftäter katholischen oder protestantischen Glaubens ist endlos. Zu jedem beliebigen Zeitpunkt gibt es Zehntausende von Gefängnisinsassen in der BRD, die den beiden Großkirchen angehören oder angehörten.

 Ebenso alarmierend, unter "sektenpolitischen" Maßstäben, sind die zahlreichen Straftaten katholischer und evangelischer Funktions- und Würdenträger, - nicht wenige mit "systemimmanenten" Hintergrund.

 Ende 1977 beispielsweise veröffentlichte die Berliner Morgenpost eine geheime Jahresstatistik, wonach allein in einem einzigen Münchner Großkaufhaus 117 Nonnen beim Ladendiebstahl erwischt worden waren. In leichter Abwandlung einer von Frau Caberta in einer Hamburger Drucksache zur Scientology Kirche vorgelegten Argumentation muß wohl auch hier "davon ausgegangen werden, daß durch die totale Unterwerfung der einzelnen Mitglieder unter die Organisationshierarchie und [das aufgezwungene Armutsgelöbnis] ein Druck bei einzelnen Mitgliedern entstehen kann, der sie möglicherweise dazu bringt, dem Weg [ihrer Kirche] auch unter Begehung von Straftaten zu folgen". Der bayerische Innenminister Beckstein würde - analog - wohl von einem "im Kern kriminogenen System" sprechen.

 Selbst eine gemäßigte Hochrechnung der obigen Statistik auf die gesamte Bundesrepublik würde eine "systemimmanente" Kriminalität in kirchlichen Ordensgemeinschaften mehr als belegen, selbst ohne die "Dunkelziffer" der nicht ertappten Ordensschwestern. In der Gegenwart muß aufgrund der fortgeschrittenen "Verweltlichung" und der geringeren moralischen Hemmschwellen im übrigen von weitaus höheren Zahlen ausgegangen werden und nicht etwa von einem Rückgang. 1977 war Ladendiebstahl noch nicht das Kavaliersdelikt, das es heute zu sein scheint.

 Priester stehlen, rauben, vergewaltigen und morden. Wie andere irregeleitete Mitglieder der Gesellschaft auch, könnte man hinzufügen. Aber wir wollen nicht vergessen, daß hier beispielhaft derselbe Maßstab an die Amtskirchen anlegt werden soll, den diese so freimütig an die "Sekten" und jedes einzelne ihrer Mitglieder anlegen.

 Geradezu erschreckend sind unter diesem Gesichtspunkt die priesterlichen Vergehen und Verbrechen mit sexuellem Hintergrund, in der Hauptsache an wehrlosen Kindern. Im folgenden einige wenige, aber repräsentative Beispiele aus den letzten Jahren, die nicht nur das den neuen Religionsgemeinschaften so gern unterstellte "verbrecherische Potential" widerspiegeln. Es handelt sich vielmehr um tatsächliche Straftaten, um tatsächlichen sexuellen Mißbrauch von Kindern, im Unterschied zum nur angenommenen, wie ihn der erwähnte evangelische "Sektenexperte" Kurt-Helmuth Eimuth so gerne konstruiert:

 · Im Benediktinerkloster Schäftlarn bei München vergewaltigen zwei Patres mehrere Jungen auf brutalste Weise. Einer der Zöglinge verbringt Monate in psychiatrischer Behandlung. Nachdem die Mönche ihre Gefängnisstrafen abgesessen haben, werden sie wieder ins Kloster aufgenommen (stern, 31. 10. 1991).

 · Der Darmstädter Dekan Roman F. wird beschuldigt, mindestens 20 minderjährige Mädchen mißbraucht zu haben. Bis zur Hauptverhandlung darf der Geistliche weiter im Amt bleiben. Dem Richter gibt er laut Presseberichterstattung "sein 'kirchliches Ehrenwort': 'Ich werde keine Mädchen mehr belästigen'." (tz, 16. 7. 1992)

 · Das Landgericht Augsburg verurteilt den katholischen Pfarrer Josef K. zu einer vierjährigen Freiheitsstrafe wegen fortlaufenden sexuellen Mißbrauchs eines Kindes (SZ, 5. 10. 1993).

 · In einem kalifornischen Priesterseminar der Franziskaner wurden über Jahrzehnte hinweg mindestens 34 Knaben sexuell mißbraucht (SZ, 1. 12. 1993).

 · Das Landgericht Krefeld verurteilt einen Geistlichen wegen sexuellen Mißbrauchs eines neunjährigen Jungen zu vier Jahren Haft. Bei der Festnahme des Pfarrers in einem Aachener Kloster Mitte 1993 waren Zehntausende Porno-Dias und Hunderte entsprechender Filme gefunden worden (SZ, 25. 3. 1994).

 · Die derzeitige Zahl der Prozesse wegen sexuellen Kindesmißbrauchs durch katholische Geistliche in den USA beläuft sich auf über 500! Nach gegenwärtigen Insider-Schätzungen und Hochrechnungen mußten bislang 400-500 Millionen Dollar an Entschädigungsgeldern von katholischen Diözesen an die Opfer ausbezahlt werden (Elinor Burkett/Frank Bruni, Das Buch der Schande, 1995).

 · Pfarrer Alois B. aus Haren vergreift sich zwischen 1987 und 1995 über 200mal an minderjährigen Buben, meist Ministranten (tz, 23. 4. 1996).

 · Ein katholischer Orden in Australien wird zu einer Entschädigungszahlung von 3,5 Millionen Dollar an 263 (!) Männer verurteilt. Sie waren als Kinder von den Ordensmitgliedern sexuell mißbraucht worden (Nürnberger Zeitung, 15. 8. 1996).

 · In Meppen wird ein Priester wegen fortgesetzten sexuellen Mißbrauchs von minderjährigen Meßdienern und Erstkommunikanten in 225 Fällen verurteilt (Kölnische Rundschau, 22. 8. 1996).

 · Der evangelische Pfarrer Rainer S. darf trotz sexuellen Mißbrauchs von Konfirmanden-Schülern weiter in der Seelsorge tätig sein. So eine Entscheidung des Disziplinarsenats der Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands, die erst nach massiven Protesten aus der Bevölkerung wieder aufgehoben wurde (Abendzeitung, 5. 12. 1997 und spätere Artikel).

 · Ein katholischer Priester in Wales ist angeklagt, ein neunjähriges Mädchen mehrmals im Beichtstuhl vergewaltigt zu haben (Bild, 4. 2. 1998).

 · Ein evangelischer Pfarrhelfer wird wegen Vergewaltigung und sexuellen Mißbrauchs von seiner Tochter zu neun Jahren Haft verurteilt (Münchner Merkur, 17. 2. 1998).

 · Der katholische Priester Johannes P. vergreift sich an minderjährigen Ministrantinnen im Zeltlager. Nach seiner Verurteilung zu einer Bewährungsstrafe wird er - wie in solchen Fällen üblich - in ein Kloster versetzt (tz, 11. 4. 1998).

 Soweit zu den Beispielen. Für jedes beliebige Jahr könnte allein nur in Deutschland eine stattliche Reihe solcher Vorfälle dokumentiert werden, die Dunkelziffer nicht eingerechnet.

Das reicht vom katholischen Pfarrer - früher Inhaber des Lehramts für Moraltheologie in Rom -, der vom Amtsgericht Kempten wegen sexuellen Mißbrauchs von einer 11jährigen Ministrantin verurteilt wird, bis hin zu dem jungen bayerischen Theologen und bischöflichen Predigtschreiber, der wegen sadistischer Vergewaltigungen für mehrere Jahre ins Gefängnis wandert. In seiner Wohnung hatte er eine perfekte Folterkammer eingerichtet.

 Unter dem Gesichtspunkt einer weltweiten Hochrechnung ist es wahrscheinlich, daß zumindest keine Viertelstunde vergeht, in der nicht irgendwo ein Kind einem Amtsträger der christlichen Großkirchen zum Opfer fällt.

 Auch höchste amtskirchliche Kreise sind von dieser Form der Kriminalität nicht ausgenommen, wie beispielhaft die Affäre um den ehemaligen Wiener Erzbischof Kardinal Hans-Hermann Groer aufzeigte. Die Verurteilung des Brüsseler Weihbischofs Lanneau und des belgischen Kardinals Danneels im April 1998 ist da nur ein weiteres Glied in einer langen Kette. Lanneau und Danneels, letzterer der Primas der katholischen Kirche in Belgien und ein möglicher Nachfolger des jetzigen Papstes, sollen nach Feststellungen des Gerichts einen Priester gedeckt haben, der sich an mindestens einem Dutzend Kindern vergangen hatte. Der Bischof soll den Sexualtäter sogar zum Jugendpfarrer ernannt haben, obwohl er von dessen Neigungen gewußt habe. Der Umstand, daß beide Würdenträger gegen das Urteil Berufung einlegten, ändert wenig bis nichts an der generellen Situation.

 In etlichen Fällen verschmelzen die pädophilen Formen der Nächstenliebe auch mit anderen kriminellen Methoden des Umgangs mit Kindern. Das folgende Beispiel entstammt nicht etwa den fiktiven Erziehungswelten der "Sekten", wie sie von Enquete-Experte Kurt-Helmuth Eimuth und weiten Teilen der Enquete ersonnen wurden. Vielmehr handelt es sich - kein Einzelfall - um die Erziehungspraktiken eines katholischen Ordens, der unter der Diözese Moosenee in Kanada eine "Residential School" für indianische Kinder betrieb.

 Nach Aussagen der "Vereinigung der Überlebenden von St. Annes" sei diese Ordensschule eines von vielen Umerziehungslagern gewesen, die in den 50er, 60er und 70er Jahren von der Kirche mit dem Ziel betrieben worden seien, die indianische Kultur zu zerstören. Man durfte dort nicht sprechen und nicht lachen. Über den Zwischenbericht der zuständigen Staatsanwaltschaft, erstellt nach mehrjährigen Untersuchungen, schreibt die FAZ am 23.10.1996: "Dem Bericht zufolge mußten die Kinder sexuelle und homosexuelle Handlungen über sich ergehen lassen, wurden vergewaltigt und über Nacht in einen unbeleuchteten Kellerraum eingesperrt. Sie mußten stundenlang in schmerzhaften Positionen auf einem Betonboden knien und wurden gezwungen, Nahrung, die sie erbrochen hatten, wieder zu essen. Eine besondere Grausamkeit war der elektrische Stuhl: Kinder wurden festgebunden und mit Elektroschocks gequält, wenn sie sich nicht so verhielten, wie es Lehrer und Schulleitung wollten." Solche Behandlungen sollen laut Bericht auch der "Unterhaltung" beim Besuch von kirchlichen Würdenträgern gedient haben.

Gibt es im Bereich der neuen Religionsgemeinschaften auch nur irgendwie Vergleichbares?

Nein!

 Gemessen an der Zahl der katholischen und evangelischen Geistlichen könnte man obiges Bild natürlich relativieren. Nur: "Sekten" haben dieses Recht nicht! Warum also sollte dieses Recht den Amtskirchen zugestanden werden? Auch nur ein einziger Vorfall der obigen Art mit einem Geistlichen der Scientology Kirche würde ohne Zweifel zu massiven staatlichen Eingriffen in die Autonomie der Scientology Kirche führen - und zu flächendeckender Medienberichterstattung nicht etwa nur gegen den Täter, sondern gegen seine Kirche.

Nach dem Kenntnisstand der Scientology Kirche hat es Vorfälle wie die hier beschriebenen tatsächlich bei keiner der neuen Religionen gegeben. Dennoch haben es katholische und evangelische Apologeten und ihre Helfer in der Politik über die Jahre meisterlich verstanden, das Image von "Sex-Sekten" und "kriminellen Sekten" zu zimmern - in denen der (auch sexuelle) Kindesmißbrauch geradezu als Standardritus vollzogen wird - und auf eine Reihe der neueren religiösen Gemeinschaften zu projizieren.

 Wie bereits früher dargelegt, marschierte auch die Enquete-Kommission unbeirrt auf diesem Weg weiter. Für imaginäre Situationen und kinderbezogene Einzelvorfälle bei sogenannten Sekten sollen neue Gesetze geschaffen werden, präventiv sozusagen. Die Vielzahl von belegten Fällen psychischer und physischer Vergewaltigung von Minderjährigen durch amtskirchliche Funktionäre stellt hingegen nicht den geringsten Anlaß dar, beispielsweise über ein Verbot des Ministrantentums von Minderjährigen oder über die präventive Auflösung katholischer Knabenseminare nachzudenken. Es ist schon bemerkenswert schamlos, wie hier die Realitäten vertauscht werden.

 Wie sehr die etablierten Kirchen unter gleichen Bewertungsmaßstäben in Bedrängnis geraten würden, zeigt sich dann, wenn diese Maßstäbe unter anderen politischen Bedingungen auch tatsächlich angelegt werden. Auf politischer Ebene geschah dies in Deutschland zuletzt im Dritten Reich. Anläßlich der sogenannten "Sittlichkeitsprozesse" bzw. der "skandalösen Berichterstattung und der propagandistischen Ausschlachtung derselben" (in der gleichgeschalteten Presse) veröffentlichten die bayerischen Bischöfe folgenden Brief:

 "1. Es verstößt gegen Wahrheit und Gerechtigkeit, wenn immer wieder der Vorwurf erhoben wird, die deutschen Bischöfe hätten diese Sittlichkeitsverfehlungen von Priestern und Ordensleuten nicht verurteilt -

2. Die Kirche selbst ist bereits in den Fällen, in denen es eine abschließende Untersuchung möglich machte, mit kirchlichen Strafen vorgegangen und wird es noch weiter tun -

3. Mit allem Nachdruck müssen wir uns wenden gegen die Art und den Umfang, die Tendenz und die Einseitigkeit der Berichterstattung, soweit sie die Prozeßfälle ausbeutet zu einer systematischen, zielbewußten Aufhetzung gegen die Kirche selbst, gegen ihre Lehre und Diener.

Wir wollen nichts verheimlicht, vertuscht oder beschönigt haben. Wir legen feierliche Verwahrung ein gegen Übertreibungen und Verallgemeinerungen. Nur ein geringer Bruchteil der in die Untersuchung Einbezogenen sind Priester, und diese bilden wiederum nur einen kleinen Bruchteil ihrer Standesgenossen, der über 25.000 Priester in Deutschland.

Ungerecht ist es, wenn nur die sittlichen Vergehen von Priestern und Ordensleuten in voller Öffentlichkeit verhandelt werden und von der gesamten Tagespresse in solcher Ausführlichkeit berichtet werden müssen, während die nicht wenigen, schweren Verfehlungen gleicher Art aus anderen Volkskreisen größtenteils hinter verschlossenen Türen abgeurteilt und in Presse und Rundfunk totgeschwiegen werden." (Aus: J. Neuhäusler, Kreuz und Hakenkreuz)

 Die Nachfolger dieser Bischöfe sorgen mittels der kirchlichen "Sektenbeauftragten" heute ungeniert dafür, daß die damals zu Recht kritisierten "Maßstäbe" und Vorgehensweisen rücksichtslos an den neuen Religionen zur Anwendung kommen. Katholische Bischöfe halten sogar eigene Konferenzen mit Landesministern ab, um Maßnahmen beispielsweise gegen Scientology zu "koordinieren". Was gestern noch am eigenen Leib erfahrene "Verallgemeinerung", "Übertreibung", "Ungerechtigkeit", "skandalöse Berichterstattung" und "zielbewußte Aufhetzung" war, ist heute fester Bestandteil der "demokratischen Aufklärung" über Minderheitsreligionen und der "Seelsorge", wie beispielsweise der bayerische evangelisch-lutherische Landesbischof von Loewenich die Tätigkeit seines "Sektenbeauftragten" Wolfgang Behnk bezeichnet.

 III.

 Die dokumentierte Kriminalität in den Reihen amtskirchlicher Funktionäre (ganz abgesehen von einfachen Mitgliedern) erschöpft sich aber keinesfalls im Bereich der Sexualstraftaten.

 Sie erstreckt sich vielmehr auf das gesamte Strafgesetzbuch, reicht von Diebstahl, Betrug, Unterschlagung, Urkundenfälschung, kriminellen Immobilien-Deals, Drogenschmuggel, finstersten Bankgeschäften und betrügerischem Bankrott bis hin zur Teufelsaustreibung mit Todesfolge und Mord.

 Man muß hier nicht einmal auf die blutigen Kriege der Christenheit in unserer Gegenwart verweisen, die protestantischen "Ulster Freedom Fighters", die katholische IRA, die Bomben zwischen Belfast und Beirut und in vielen anderen Teilen der Welt, in denen sich Christen und Christen (wie bis vor kurzem im jahrzehntelangen Bürgerkrieg in Guatemala) weniger schlagzeilenträchtig gegenseitig ermorden oder aber im blutigen Dauerkrieg mit dem Islam oder anderen Weltreligionen liegen.

 Geht es doch angeblich nur um "einfache Mitglieder", deren Taten selbstverständlich nicht gut geheißen werden.

 Dennoch muß auch hier daran erinnert werden, daß eine - fiktive - Terrorgruppe mit dem Namen "Hare Krishna Freedom Fighters" oder eine bewaffnete Splittergruppe mit der Bezeichnung "Heiliger Krieg der Vereinigungskirche" - in Anlehnung an die islamische Wortwahl - ganz eindeutig zu einem flächendeckenden Vereinsverbot in der BRD führen würde, oder zumindest zur Forderung nach diesem, und zwar ungeachtet aller Beteuerungen der jeweiligen Hauptkirche und ungeachtet dessen, wo in der Welt diese Splittergruppe aktiv wäre. Diese Annahme wird wohl auch jedes Mitglied der Enquete und jeder Innenminister guten oder auch schlechten Gewissens bestätigen können.

 Wenn dagegen die christliche "Armee Gottes" in den Vereinigten Staaten Abtreibungskliniken und Homosexuellen-Bars in die Luft sprengt oder maskierte Killer der katholischen INLA einen protestantischen Familienvater vor den Augen seiner Frau und seiner vier Kinder hinrichten, dann hat das in Deutschland jedenfalls noch zu keiner parlamentarischen Anfrage über die Amtskirchen gereicht.

 Ein Ausflug in die Historie braucht im Zusammenhang mit "Kriminalität und Christenheit" hier ebenfalls nicht vertieft zu werden. Selbst oberflächliche Betrachtungen zeigen auf, daß sich beide christlichen Großkirchen über viele Jahrhunderte hinweg im Blut der Häretiker und der Andersdenkenden gewälzt haben, bis in die Neuzeit; daß die "Heilige Inquisition" und die protestantischen Hexenverbrenner nicht etwa im Mittelalter, sondern bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein ihr seelenloses Handwerk verrichteten und ihre Scheiterhaufen nur widerwilligst abbauten; daß noch zum selben Zeitpunkt, vor weniger als 150 Jahren, die englischen Protestanten den Tod von 1.000.000 katholischen Iren billigend in Kauf nahmen, in einer der größten Hungersnöte der Geschichte, weil diese das protestantische Angebot "Kartoffeln gegen Konvertierung" glaubensbedingt nicht wahrnehmen wollten und konnten; daß die katholische Kirche wiederum jeden Rekord an Folter- und Mordopfern hält, bis in unser Jahrhundert; daß noch im Schatten des Zweiten Weltkriegs, in Kroatien, mit Billigung des Papstes, 750.000 orthodoxe Ketzer der tödlichen "Gnade des christlichen Gottes" überantwortet wurden, weil sie nicht zum katholischen Glauben übertreten wollten, während die für die buchstäbliche Schlachtung von Männern, Frauen und Kindern Verantwortlichen mit Kardinalsposten und Seligsprechung belohnt wurden; daß den christlichen Kirchen noch kein Diktator zur Verbrüderung zu schade war, auf Kosten derer Opfer; daß über die Jahrhunderte auch noch der letzte Indianer vom Oberlauf des Orinoko zwangsmissioniert wurde, nötigenfalls mit Feuer und Schwert.

Selbst heutzutage romantisierte Episoden dieser blutbesudelten Geschichte, wie die Kreuzzüge, schlagen schnell mit 1.000.000 Toten zu Buche. Eine unvorstellbare Zahl, so unvorstellbar wie das Unrecht, das sich hinter ihr verbirgt.

 Auch diese Aufzählung ließe sich endlos fortsetzen.

 Nicht von ungefähr stellte Altkanzler Helmut Schmidt in einer Rede in der Hamburger Kirche St. Katharinen im Herbst 1997 die Frage: "Wieso konnten Christen Ketzer verbrennen, Kreuzzüge unternehmen, Menschen als Sklaven kaufen, Juden vergasen und Städte verbrennen?"

Eine gute Frage.

Sachverständige haben die Späne, die großkirchlich-christliche Hobel angeblich zurückließen, auf weit über 100.000.000 Tote hochgerechnet. Wen braucht es da zu wundern, daß engagierte Kritiker die organisierte Christenheit als kriminelle Organisation bezeichnen, die römisch-katholische Kirche gar als "die größte Ausbeutungsmaschinerie der Menschheitsgeschichte", mit einer "seit dem Jahre 313 bis jetzt durchgängig kriminellen Geschichte", wie der Kirchenkritiker Karlheinz Deschner es einmal zusammenfaßte.

 Ist sie es aber wirklich? Vor allem in der Gegenwart? Darf man ihr ihre Vergangenheit auf ewige Zeiten vorhalten? Ist es nicht vielmehr so, daß einige Hundert Millionen Christen mit all dem nichts zu tun haben und hatten, falls alles überhaupt so stimmt, wie es vornehmlich Kirchenkritiker behaupten?

Unter den für "Sekten" und Scientology gesetzten Maßstäben stellen sich diese Fragen gar nicht erst. Und nur von diesen Maßstäben ist hier die Rede.

 Festzuhalten bleibt: Nach den von den Amtskirchen und der Bundesregierung selbst aufgestellten Kriterien und praktizierten Sichtweisen zur Beurteilung des "kriminellen Charakters" einer Religionsgemeinschaft erfüllen beide Amtskirchen alle Voraussetzungen einer kriminellen Organisation.

 In diesem Zusammenhang bedarf auch das Sondervotum der Grünen zum Zwischenbericht der Enquete einer Anmerkung. Sie hatten kritisiert, daß keine Informationen darüber vorlägen, ob es "im Zusammenhang mit sogenannten Sekten und Psychogruppen zu statistisch signifikanten Häufungen von strafbaren Handlungen und anderen Gesetzesverstößen" komme. (Die Bundesregierung hatte dieses Informations-Manko zuvor in einer parlamentarischen Anfrage eingestanden, was sie aber nicht daran gehindert hat, trotzdem etliche "Sekten" zu kriminalisieren.)

 Diese Informationen liegen aber im Prinzip sehr wohl vor. Sie werden nur deshalb nicht systematisiert und bekanntgegeben, weil man in Anbetracht der amtskirchlichen Verbrechensstatistiken zu Recht befürchtet, daß bei praktisch allen "Sekten" eine signifikant geringere Anzahl von Straftaten zu verzeichnen ist als bei vergleichbaren amtskirchlich-christlichen oder auch anderen gesellschaftlichen Gruppierungen, prozentual wie absolut.

 Anders ausgedrückt: 10.000 Mitglieder der Hare-Krishna-Bewegung oder 10.000 Scientologen würden im Sektor Straftaten auch nicht annähernd an die Kriminalitätsstatistiken einer beliebigen Kontrollgruppe aus 10.000 amtskirchlichen Funktionären und Mitgliedern heranreichen. Das ist selbst im Lärm der "Sektendebatte" so evident und offensichtlich, daß es einer näheren Erläuterung eigentlich nicht bedarf. Warum das so ist, ist eine völlig andere Frage. Daß es so ist, ist dagegen keine Frage. Die Bundesregierung wird sich also (weiterhin) hüten, in diesem Bereich offizielle Erhebungen anzustellen.

 Ein Grund, warum konkret bei Scientology schon von vornherein weit weniger Straftaten als bei "Kontrollgruppen" passieren, ist hier durchaus erwähnenswert: L. Ron Hubbard machte den ethisch und moralisch einwandfreien Lebenswandel und die Einhaltung von Gesetzen explizit zur Voraussetzung und zum integralen Bestandteil seines Erlösungswegs.

 Das mag keine Garantie sein, Straftaten grundsätzlich zu vermeiden, aber Scientologen werden von Anfang an mit den diesbezüglichen Maximen und ihrer religiös-philosophischen Begründung vertraut gemacht und wissen, daß ihre Mitgliedschaft und ihr Vorwärtskommen auf dem gewählten Erlösungsweg davon abhängen, sich strikt an die Gesetze zu halten. Als Konsequenz aus der Lehre verwehrt Scientology Straftätern jeglicher Couleur den Zugang zu ihrem Erlösungsweg, bis die jeweilige Straftat nach den gesetzlichen Regelungen bereinigt ist. Scientology ist damit möglicherweise die einzige Religionsgemeinschaft in Deutschland, die diesen Bezug zwischen Kriminalität und Erlösung überhaupt herstellt und konsequent durchsetzt.

Um so absurder sind die einschlägigen Gerüchte oder Beschuldigungen, wie sie ausgerechnet durch jene in Umlauf gebracht werden, die allen Grund hätten, ausschließlich vor der eigenen Haustüre zu kehren.

 Nicht anders als obig dargelegt verhält es sich mit der Unzahl anderer von beiden Amtskirchen bzw. ihren Vertretern in die Welt gesetzten Vorwürfe gegen Minderheitsreligionen im allgemeinen und gegen die Scientology Kirche im besonderen:

 IV.
 STICHWORT: UNTERWANDERUNG

 Da darf der Münchner Oberkirchenrat Hofmann 1993 in den Medien den Umstand des protestantischen Übergewichts im damaligen bayerischen Kabinett als "äußerst erfreulich" feiern. Mit den Herren Beckstein, von Waldenfels und Gauweiler würden im Kabinett gleich drei Ressorts von Evangelischen geleitet. Gleichzeitig aber sieht sich ein Scientologe, der nur das Wohl seines Kindes im Auge hat, im örtlichen Elternbeirat dem Vorwurf der "heimlichen Unterwanderung" ausgesetzt.

 "Sektenbeauftragte" betiteln jeden Versuch der Scientology Kirche, gängige Gerüchte mit eigenen Broschüren oder über die Medien zu berichtigen, als "typische Unterwanderungsversuche", während ihre Kirchen - offen und verdeckt - weite Teile der Medien- und Verlagswelt beherrschen.

 Und niemand stört es, wenn an der Spitze eines geheimen Nachrichtendienstes ein Protestant steht, wenn der Bundeskanzler sowie viele seiner Minister gläubige Katholiken sind und wenn die meisten deutschen Wirtschaftskapitäne entweder der evangelischen oder der katholischen Kirche angehören. Daran ist auch nicht unbedingt etwas verkehrt. Wenn jedoch ein Vorstandsmitglied eines Sportclubs als Scientologe "geoutet" wird, erscheinen mit Sicherheit Dutzende von Zeitungsartikeln, die vor einer "gezielten Infiltration der Gesellschaft" warnen.

 Im Februar 1995 jubelte auch das katholische Kolpingblatt: Alle Ausschüsse des Deutschen Bundestags seien mit mindestens einem Kolpingmitglied besetzt. Im Ausschuß für Arbeit und Sozialordnung seien sogar "vier ordentliche sowie zwei stellvertretende Mitglieder" vertreten. Auch in der Regierungsmannschaft selbst sowie bei den Parlamentarischen Geschäftsführern und Staatssekretären ließ man sich nicht lumpen. Bonn in fester Hand der "Kolpingfamilie"?

 Wenn laut Emnid-Umfrage (Dezember 1997) 79 % der Bevölkerung der Meinung sind, die Amtskirchen sollten weniger Einfluß auf politische Entscheidungen nehmen, dann belegt das deutlich, wie weit die beiden christlichen Kirchen auch heute noch, 150 Jahre nach der scheinbaren Abschaffung des Staatskirchentums, in die Lenkung der Nation verstrickt sind.

 Der "Evangelische Arbeitskreis der CDU/CSU (EAK)" beispielsweise ist das offizielle politische Sammelbecken für evangelische Mitglieder der CDU und CSU. Das Ziel des EAK ist es, "protestantisches Denken und protestantische Überzeugungen in die Unionsparteien einzubringen und evangelische Christen zum politischen Engagement zu ermutigen". Jeder Minderheitsreligion würde ein solches Statement als "klares Bekenntnis zur Unterwanderung der Politik" ausgelegt werden.

 Der evangelische Synodale und oberste bayerische Verfassungsschützer Günther Beckstein geht sogar so weit, daß er seine kirchlichen Einbindungen dazu hernimmt, um als Innenminister in einem evangelisch-apologetischen Hetzblatt über Scientology herzuziehen.

 In einem Artikel über die schleichende Einflußnahme christlicher Manager in der Wirtschaft meinte die Schweizer Sonntagszeitung im April 1997 dann auch: "Ihre Vision ist das globale Bibelkartell."

 Um die Unterwanderung aller gesellschaftlichen Schichten in Deutschland durch die Amtskirchen zu beschwören, braucht man jedenfalls nicht auf Gruppierungen wie das Opus Dei oder die "Ritter vom Heiligen Grab" zurückgreifen. Alles, was man dazu benötigt, sind die erwähnten Beurteilungskriterien für "Sekten".

 Mehr als entlarvend ist es auf jeden Fall, wenn von amtskirchlichen Stellen, in Kenntnis ihrer eigenen Machtstrukturen, der Scientology Kirche Streben nach Weltherrschaft oder wahlweise Unterwanderung von Politik und Wirtschaft vorgehalten wird.

 V.
 STICHWORT: PSYCHO-TERROR

 Nächtliche Telefonanrufe und Morddrohungen bei Aussteigern und vorgeblichen Kritikern, prozessuale Zermürbungstaktik bei Gegnern, um nur einige der unterstellten Varianten zu nennen - beliebte Vorwürfe, weil die von ihnen getroffenen Gruppierungen sich nicht effektiv wehren können. Wie beweist man bei einem derart verallgemeinerten Vorwurf, daß man es nicht getan hat? Auch wenn nicht ein einziger Fall belegt ist?

Wie es jenseits der substanzlosen und scheinheiligen Entrüstung bei den Amtskirchen und den ihnen verbundenen Politikern aussieht, veranschaulicht der Erfahrungsbericht des katholischen Ex-Priesters und Theologieprofessors Hubertus Mynarek, wie er im Spiegel nachzulesen war. Mynarek, der seine Kirche als Beispiel dafür anführte, wie eine Religion zum "Massengrab der Freiheit der Individuen" werden kann, sah sich ob seines ersten Buches Herren und Knechte der Kirchen massivsten Repressalien ausgesetzt, von denen ein Dutzend amtskirchlich initiierte Prozesse noch das kleinere Übel waren.

 Ebenso schwer wie der finanzielle Druck, so der Spiegel, "lastete seit Mynareks Kirchenaustritt psychischer Terror auf dem Theologen. Hunderte Schmähbriefe ('Drecksau', 'Bald bist du einen Kopf kürzer'), anonyme Anrufe (bis 47mal in einer Nacht) und Schikanen (20 durchstochene Autoreifen) drohten aus Mynarek einen Verschreckten zu machen, der durch halb Deutschland von Wohnsitz zu Wohnsitz hetzte - Viele der Quälgeister beriefen sich auf ihren Glauben und ihre Treue zur Kirche."

 Hätte es sich bei Mynarek um einen ehemaligen und bei seinen Peinigern um aktive Scientologen gehandelt, hätte man wohl nicht mehr nur so gleichsam liebevoll wie verständlich von "Quälgeistern" gesprochen. Offenbar gibt es so etwas wie einen gesunden katholischen Volkszorn, dem im übrigen nicht nur Professor Mynarek zum Opfer fiel.

 Auch wenn protestantische Gemeindemitglieder den Pfarrer mit nächtlichem Terror aus dem Dorf zu vertreiben versuchen, weil er ihnen "nicht paßt", dann kann die Münchner Abendzeitung dem Vorgang immer noch eine spaßige Seite abgewinnen: "Beim Pfarrer ist der Teufel los", titelte sie am 14.1.1998. Immerhin: Das Landeskirchenamt appellierte an die Gemeindemitglieder, die Attacken gegen den Pfarrer einzustellen.

 Tatsächlich ist das Spektrum des "Psycho-Terrors" in beiden Amtskirchen breit gefächert. Es reicht vom katholischen Pfarrer, der anonym und regelmäßig moslemische Familien durchs Telefon beschimpft und bedroht (bevor ihm 1997 die Polizei auf die Schliche kam) über die Bedrohung und Drangsalierung von prominenten und auch weniger prominenten Aussteigern und Kritikern bis hin zum innerkirchlichen Terror gegen Mitarbeiter, wie ihn die im Herbst letzten Jahres erschienene idea-Dokumentation "Mobbing in der Kirche" aufzeigt.

 Daß nicht nur beim Christentum die Sanktionen für Abtrünnige (und auch Andersgläubige) durchweg rabiat sein können, ist spätestens seit dem islamischen Todesurteil für Salman Rushdi auch der westlichen Welt gegenwärtig.

Tatsächlich sind Ausschreitungen gegen Abtrünnige, Kritiker und Andersgläubige bei den meisten Weltreligionen keine Seltenheit.

 Hier kann man natürlich argumentieren, daß solcher "Psycho-Terror" - bis hin zu Mord oder sogar Massenmord, wie in Algerien - die Taten von "Fundamentalisten", "Ultra-Orthodoxen" oder von "radikalen", "extremistischen" oder ähnlich attributierten Anhängern einer Religion sind. Mit diesem semantischen Separatismus soll eine Trennlinie zwischen den Wahnsinnigen und dem "Normal-Gläubigen" gezogen werden, und das nicht einmal zu Unrecht. Denn Hindus brennen ihrem Glauben nach keine "gegnerischen" Tempel ab, radikale Hindus manchmal schon.

 Aber gilt diese Unterscheidung auch bei Minderheitsreligionen? Natürlich nicht. Wenn ein Zeuge Jehovas eine "religiöse Wahntat" begehen würde, dann könnte seine Kirche wohl kaum die Hoffnung hegen, daß dieses Mitglied als "radikal" oder "extremistisch" von der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas unterschieden werden würde. Nein, er wäre dann immer noch ein "Zeuge Jehovas", damit auch klar zum Ausdruck kommt, daß sein Verhalten repräsentativ für die Vereinigung ist.

 Man stelle sich einmal vor, ein Geistlicher einer der in Deutschland vertretenen Minderheitsreligionen würde tatsächlich irgendwo auf der Welt mit einem Aussteiger, Kritiker oder "Ungläubigen" das tun, was bei den "Fundamentalisten" oder "Ultra-Orthodoxen" der Weltreligionen die tägliche Regel ist. Dies hätte in der Bundesrepublik Deutschland unmittelbare Auswirkungen auf jeden auch noch so entfernten Anhänger der jeweiligen Glaubensgemeinschaft zur Folge.

Trotz (oder wegen) der obigen Tatsachen sind es in Deutschland nur Minderheitsreligionen, denen ausgerechnet von amtskirchlichen Funktionären - und Politikern - ohne den geringsten Beweis ein angeblicher Psycho-Terror "bis hin zu Morddrohungen" gegen ehemalige Mitglieder, Kritiker und sogar Andersgläubige unterstellt wird.

VI.
 STICHWORT:
"Faschistoide und menschenverachtende Tendenzen in der Lehre", "faschistoides und menschenverachtendes Gedankengut in Äußerungen des Gründers"

Hier - beim eingangs erwähnten Sammeln von "Zitaten", um sie gegen die jeweilige Minderheitsreligion zu verwenden - zeigt sich das "Messen mit zweierlei Maß" wohl am deutlichsten, obwohl man genau hier allen Grund hätte, die "Kirche im Dorf zu lassen".

 Immerhin bezeichnete der ehemalige israelische Ministerpräsident und Friedensnobelpreisträger Begin noch 1981, anläßlich einer Wiedersehensfeier von 10.000 überlebenden jüdischen ehemaligen KZ-Häftlingen aus aller Welt, den Reformator Martin Luther als den wahren Begründer der Tradition des modernen Antisemitismus, der letztlich zum Holocaust führte. Luthers Werke, die mit Aufforderungen wie "Synagogen zu verbrennen, die Juden wie Vieh in Ställe zu sperren und sie hungern und dürsten zu lassen" nicht geizen, in denen er Juden als "schlimmer als eine Sau" bezeichnet, die Todesstrafe für die Ausübung jüdischer Gottesdienste und das Verbot ihrer Schriften fordert, waren bekanntlich von den Nazis begierig aufgegriffen worden.

 Auch dies geschah nicht zufällig. Die evangelische "Apologetische Centrale" in Berlin-Spandau leistete bereits von 1903 an jahrzehntelange Vorarbeit mit antijüdischen Hetzschriften und schließlich Hetzschriften gegen alle damaligen Minderheitsreligionen, in denen ein Bekenntnis zu einer Minderheitsreligion als "moderne Psychose" bezeichnet wurde. Getreu den Worten ihres geistigen Vaters Martin Luther: "Das kein Mensch ein Stein oder Schlacke davon sehe, ewiglich. Und solches soll man tun unserem Herrn und der Christenheit zu Ehren, damit Gott sehe, daß wir Christen seien."

Luthers Schriften wurden von hochrangigen Evangelen extra neu aufgelegt, um Hitler in seinem Kurs gegen das Judentum zu bestärken.

 Da schrieb zum Beispiel der evangelisch-lutherische Landesbischof Sasse, anläßlich der "Reichskristallnacht", im Vorwort seines 1938 verlegten Buches Martin Luther über die Juden: Weg mit Ihnen!: "Am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen. Vom deutschen Volk wird - damit der gottgesegnete Kampf des Führers zur völligen Befreiung unseres Volkes gekrönt -".

 400 Jahre nach Luthers Forderungen gelang es Adolf Hitler, Luthers Vision vom synagogenzerstörenden und judenfressenden Christengott fast vollständig in die Tat umzusetzen. Adolf Hitler: "Luther war ein großer Mann - Er sah den Juden, wie wir ihn erst heute zu sehen beginnen."

 Da nützt es auch nichts, wenn Theologen die Inhumanität mancher Aussagen von "anerkannten" Religionsgründern und die ihnen folgenden Untaten oder die Vielzahl der inhumanen leitbildlichen Aussagen der Bibel selbst - mittlerweile Gegenstand zahlreicher Abhandlungen - oder zahlreiche "Zitate" des Jesus Christus, die jedem Religionsgründer der Moderne zur unrühmlichen Ehre gereichen würden, historisch zu "relativieren" versuchen.

 Sätze wie: "Ja, ich bin gekommen, den Sohn zu entzweien mit seinem Vater, die Tochter mit ihrer Mutter - Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert -"

(Mt 10, 35 f.) sind auch aus ihrer Zeit heraus kaum relativierungsfähig. Treffend schreibt der Bibelkritiker Franz Buggle in der Herder Korrespondenz: "Wie soll ich bitte eine Aufforderung, Kinder zu zerschmettern oder die Aussage, daß die Juden die Kinder des Teufels seien, 'symbolisch' verstehen, welche Art von Hermeneutik macht aus solch extrem inhumanen Aussagen humane?"

 Während die Kirchen aber für tausende solcher Aussagen das Recht auf "Kontextualität", auf die "Nicht-Reduktion von Komplexität", auf "historisch-kritische Bibeltextauslegung" (Eimuth), auf "Verständnis aus ihrer Zeit" einfordern, auf die "Notwendigkeit" hermeneutischer und symbolischer Lesung und Deutung, und dies in der Tat manchmal sogar zu Recht tun, gestehen dieselben Kirchen - und der Staat - dieses Recht den neuen Religionsgemeinschaften nicht einmal im Ansatz zu.

 Zum Beispiel begrüßt die bayerische Luther-Kirche einerseits eine Bundesarbeitsgerichtsentscheidung, wonach bei der Beurteilung namentlich der Scientology Kirche auch auf "Äußerungen des Gründers" abzustellen sei. Beim eigenen Gründer will sie von solchen Vorgaben aber nichts wissen. Denn Luthers zweifellos menschenverachtende (und todbringende) "Vorschläge" seien ja schließlich "nicht das zentrale Thema seiner Theologie" gewesen, argumentiert Oberkirchenrat Böttcher in einem Schreiben.

 Das mag sein. Aber gilt dieser Gesichtspunkt dann auch für neue Religionen und konkret für die Scientology Kirche?

 Tatsache ist: Während Luthers Abhandlungen über den rechten Umgang mit dem falschen Glauben ganze Bücher füllen, nicht nur Zeilen, werden die Werke der Gründer neuer Religionsgemeinschaften ausgerechnet von evangelisch-lutherischen "Sektenbeauftragten" fieberhaft nach isolierten und aus dem Zusammenhang gerissenen Aussagen durchsucht, mit denen die postulierte menschenverachtende Lehre belegt werden soll.

 Auch die Enquete bediente sich vorwiegend dieser Methodik, mangels konkreter Vorfälle, - vor allem im Bereich der vermeintlichen "Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung".

 Da gibt der bayerische Innenminister Günther Beckstein die Parole aus, daß mit genau dieser Vorgehensweise des "Sammelns von Zitaten" die unterstellte verfassungsfeindliche Zielsetzung der Scientology Kirche belegt werden könne. Mehr als eine Handvoll "geeignete" Zitate aus insgesamt 50.000.000 Wörtern hat zwar auch er nicht gefunden, in einer einjährigen Suchaktion, dies entschuldigt aber nicht die Perfidie einer solchermaßen konstruierten Anklage, aus der letztlich nur laut die Schuld des Anklägers selbst spricht. Immerhin haben sich zu Feiern des "Lutherjahrs" nicht gerade wenige Politiker eingefunden.

 Darf man ihnen oder überzeugten Lutheranern jetzt pauschal "Judenhaß" unterstellen? Weil sie Bewunderer Martin Luthers sind? Das wäre geradezu absurd! Nicht so analog bei der Beurteilung von "Sekten", wären sie in einer vergleichbaren Ausgangslage.

 Während Bischof von Loewenich im Internet dazu aufrufen darf, das "geschichtliche Erbe der lutherischen Tradition als unsere kulturelle und geistige Heimat zu bewahren", können neue religiöse Gemeinschaften schon froh sein, wenn sie wegen gänzlich unvergleichbarer Äußerungen ihrer Gründer nicht gleich verboten werden.

 Jedenfalls läuft die bayerische evangelisch-lutherische Landeskirche keine Gefahr, aufgrund der Schriften Martin Luthers und der Bewahrung der "lutherischen Tradition" in den Fängen des Verfassungsschutzes zu landen, und das nicht nur, weil Innenminister Beckstein in der Synode der bayerischen Landeskirche sitzt.

Hier wird bar jeder Logik und absichtlich mit zweierlei Maß gemessen und nicht dort gekehrt, wo man eigentlich sollte: nämlich vor der eigenen Haustüre.

 Wie an anderer Stelle bereits erwähnt, begreift sich der gelebte Glaube eines Scientologen nachweislich nicht als Befolgung von aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten. Die christlichen Konfessionen können dieses Verhältnis zwischen vermeintlichem Wort und realer Tat allerdings nur begrenzt für sich reklamieren.

Die Bibel wird seit Jahrhunderten und Jahrtausenden von nicht wenigen Christen wortwörtlich befolgt, bis zum heutigen Tag. Sogar der Begriff "Fundamentalismus" verdankt seine Prägung nicht etwa islamischen Erscheinungen, sondern dem christlichen Protestantismus in Amerika, der sich als Bollwerk gegen Liberalismus und "bibelfeindliche" Wissenschaft verstand und versteht (wie z. B. die Darwinsche Abstammungslehre). Bibelstellen sind nicht nur "Zitate", sondern oftmals direkte Handlungsanweisungen im Imperativ, die auch als solche verstanden werden. Ein Satz mit ganzen acht Wörtern, "Die Zauberinnen sollst du nicht am Leben lassen" (2. Mose 22,17), konnte so Zehntausenden von Menschen das Leben kosten, wenn nicht weit mehr. Dieses "Zitat" diente zwei Dominikanern als Anlaß zur Erstellung des Hexenhammers ("Malleus malleficarum"), der über Jahrhunderte hinweg das gültige Standardwerk beider christlicher Kirchen "zur Abwehr satanischer Kräfte" darstellte.

 Die Rassentrennung in den USA wurde noch in den 60er Jahren ebenso mit Bibel-"Zitaten" begründet wie der Sklavenhandel der Neuzeit. Mindestens 20.000.000 Schwarze - Männer, Frauen, Kinder - wurden zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert von Westafrika nach Amerika verschleppt. Niemand von ihnen sah seine Heimat wieder. Dieser gigantische Völkermord, der anfänglich von streng katholischen Portugiesen und Spaniern organisiert und sogar monopolisiert worden war, konnte nur geschehen, weil sowohl das Alte wie auch das Neue Testament in einzelnen Fundstellen keine Probleme mit der Versklavung von Menschen hatten. Mit Rückendeckung aus der Bibel hatte Papst Nikolaus V. folglich auch keine Hemmungen, die Versklavung von "Heiden" ab dem Jahr 1452 offiziell zu erlauben.

 Skurril, aber nicht weniger bezeichnend ist das folgende Beispiel. Christliche Fundamentalisten in den USA nehmen - trotz Verbots in vielen Bundesstaaten - ein ganz bestimmtes Bibelwort mehr als wörtlich: "In meinem Namen werden sie - Schlangen vertreiben und wenn sie etwas Tödliches trinken, wird es ihnen nicht schaden", heißt es im Markus-Evangelium (16, 18). Wie bei allen christlichen Pfingstbewegungen zählt auch bei den tausenden Frommen der sogenannten Schlangensekte allein das Wort der Bibel. Also legen sie sich bei ihren wöchentlichen Treffen Diamant-Klapperschlangen und Mokassinschlangen um den Hals, oder trinken verdünntes Strychnin. Die Folge: Viele dieser Gläubigen sterben.

 Beispiele für "Zitate" aus der Bibel und ihre tatsächlichen Auswirkungen gibt es zur Genüge. Solchen Bibelstellen muß man auch nicht erst konstruierte Bedeutungen und theoretische Auswirkungen unterstellen, wie im Falle der Scientology Kirche, weil die Geschichte und die Wirklichkeit ihre Bedeutung und ihre Folgen bereits unmißverständlich belegen.

 Aber nicht nur ein einzelner Satz der Bibel kann bewiesenermaßen tödlichen Charakter haben (man denke hier auch an: "Auge um Auge -"), sogar die bloße Nichterwähnung in der Bibel hat Hunderttausende der Vernichtung preisgegeben. Ganze Volksstämme sind nur deshalb ausgerottet worden, weil sie in der Bibel nicht vorkamen und aus diesem Grund - so die "Schlußfolgerung" - nicht zu den Menschen gerechnet werden konnten.

 Nur allzu gern benutzen die Gegner der neuen Religionen auch den Begriff "faschistoid", um mit diesem juristisch wenig faßbaren, aber äußerst diffamierenden Attribut eine Verbindung zwischen angeblichen "Zitaten" und nationalsozialistischem Gedankengut herzustellen. Dies ist nicht nur eine unverfrorene Beleidigung von erwiesenermaßen gewaltfreien Gruppierungen wie der Scientology Kirche, sondern ignoriert auch - wie dargelegt - die historischen Fakten, zumal wenn solche Vergleiche aus dem Mund führender Vertreter der beiden Amtskirchen stammen.

 VII.
 STICHWORT: GELD ("gewerbliche Tätigkeit")

 Dieser Aspekt zeigt einmal mehr auf, daß die "Katholisierung des Rechts", wie es der Verfassungsrichter Helmut Simon einmal umschrieb, es mit sich bringt, daß ein und derselbe Umstand bei vielen kleinen Religionsgemeinschaften staatlicherseits und manchmal auch von den Gerichten durchaus anders "beurteilt" wird als bei den beiden großen christlichen Kirchen.

 Wenn unter der Obhut der Diözesen verschiedene Angliederungen beispielsweise entgeltliche Seminare zur "geistigen Selbstfindung", zur Selbstverbesserung oder zu den Themen "Körper und Gesundheit", "Ehe und Familie" und "Lernen wie man lernt" durchführen, dann greift der Staat hier genauso wenig mit gewerberechtlichen Bandagen ein wie bei kirchlichen "EDV-Seminaren", "Verkäuferschulungen" oder "Rhetorik-Kursen". Sogenannte gesundheitsbildende Kurse, wie etwa "Yoga", werden von den Krankenkassen sogar noch kräftig bezuschußt.

 Ganz anders verhält es sich bekanntlich bei neuen Religionsgemeinschaften, die bereits beim Verteilen kostenloser Broschüren mit Geldbußen wegen "Verstoß gegen die Gewerbeordnung" rechnen müssen.

 Und wer käme auch schon auf die Idee, die Anmeldung eines "Taufgewerbes", eines kirchlichen "Trauungsgewerbes" oder eines "kirchlichen Bestattungsgewerbes" zu fordern, auch wenn diese "Leistungen" allemal entgeltlich sind. Auch die Verabreichung von Wein beim Abendmahl - entgeltlich oder nicht - wird wohl kaum jemals als "Schankgewerbe" anzumelden sein. Selbst der "Andersgläubigenzuschlag" für die Bestattung von Großkirchenfreien auf kirchlichen Friedhöfen, in der Regel 50 bis 100 %, tut dieser Sichtweise - zumindest staatlicherseits - keinen Abbruch.

Ebenso entzieht sich die gottesdienstliche Kollekte einer staatlichen Maßregelung. Und wenn innerhalb von kirchlichen Gebäuden Buchstände mit käuflicher Literatur aufgebaut sind oder für Zehntausende von Mark Opferkerzen in Rauch aufgehen, werden Behörden deshalb noch lange nicht auf die Anmeldung eines Gewerbes drängen, auch dann nicht, wenn weltweit kirchliche Religionslehrer und Geistliche ihren Schülern und Gläubigen die Abnahme etwa des neuen Katechismus nahelegen.

 Das Spektrum des amtskirchlichen "Dienstleistungsbetriebs" geht aber weit über diese Beispiele hinaus. Es gibt wohl kaum einen kirchlichen Dienst, vom Verkauf von Kruzifixen, Gebetsbüchern, Marienstatuen, Weihekerzen und Andachtsbildchen bis hin zu organisierten Pilgerreisen, bei dem die Amtskirchen nicht gleichzeitig ihr Vermögen mehren.

Der Verkauf von Dispensen, Gnaden und Reliquien, oder mangels echter Heiliger auch "Berührungsreliquien" wie Stoffteilchen, gehört genauso in dieses Bild wie "Gebühren für Ordensverleihungen" oder Kosten für "Heilig- und Seligsprechungsprozesse", wie sie der Heilige Stuhl von seinen Untergliederungen einzieht - sogenannte "zweckgebundene Sonderleistungen" (Beispiel Seligsprechung: 200.000 Mark). Auch päpstliche Freiherrn-Titel, Fürstentitel oder Orden werden gegen Bezahlung verliehen. Als beispielsweise Papst Johannes Paul II. den bayerischen Kultusminister Zehetmair im Jahre 1990 zum "Komtur des Gregoriusordens" ernannte, "für die Förderung einer vertrauensvollen Zusammenarbeit zwischen Staat und Kirche", waren die Vatikankassen wieder um eine fünf- bis sechsstellige Summe reicher, die deutschen Steuerkassen um genau dieselbe Summe ärmer. Audienzen beim Papst sind genauso mit erheblichen Zahlungen verbunden wie der einfache päpstliche Segen auf Urkunde, der sich schon für 5000 Mark im Angebot befindet.

Ebenso muß der direkte Ablaßhandel über die Jahrhunderte zu den dauerhaften "Leistungen" zumindest der katholischen Kirche gerechnet werden, bis zum heutigen Tage, wie viele indirekte Formen der Moderne und der Vergangenheit. Kaum ein amtskirchlich-christliches Sterbebett, an dem nicht auch geistliche Seelsorger und Nonnen Stellung beziehen und mit geistlichem Verkaufsgeschick die letztwilligen Verfügungen des Erblassers beeinflussen. Anverwandte Erbberechtigte bringen diese Praxis immer wieder mal vor den Kadi und damit an die Öffentlichkeit.

 Was bleibt da noch an kostenlosen "Dienstleistungen"? Kinderkommunion, Konfirmation? Auch diese schlagen extra zu Buche. Gottesdienst und Beichte? Dafür bezahlt selbst derjenige, der mit der Kirche nichts am Hut hat, hochgerechnete 30.000 bis 60.000 Mark Kirchensteuern im Laufe seines Arbeitslebens, Großverdiener das Zehnfache, Staats-Inkasso und Zwangseintreibung (auch zu Weihnachten) inbegriffen. Selbst Arbeitslosengeld, Altersübergangsgelder und andere vermeintliche Einkommensschlupfwinkel bleiben vom Kirchensteuerzugriff nicht verschont. Arbeitgeber haben bei Pauschalversteuerung sogar dann eine "fiktive" Abgabe an die Kirchen zu entrichten, über die Lohnsteuer, wenn sie und ihre Arbeitnehmer keiner der Amtskirchen angehören. Beide Großkirchen teilen diese Gelder unter sich auf. Selbst Atheismus schützt beispielsweise bei der Berechnung des Arbeitslosengelds nicht vor Kirchensteuer.

 Ausgetretene Mitglieder der Großkirchen wie auch gläubige Muslime oder Angehörige von Minderheitsreligionen werden des weiteren über den Umweg staatlicher Subventionen aus dem allgemeinen Steuertopf zur Kasse gebeten. Sie bezahlen den evangelischen Militärseelsorger ebenso wie die Restaurierung des katholischen Glockenturms, den Meß-

 wein oder den "Sektenbeauftragten", der zu ihrer Bekämpfung im Auftrag Gottes unterwegs ist. 15.000 kirchlich dirigierte Kindergärten und annähernd 2.000.000 unter kirchlicher Kontrolle stehende Betten in Krankenhäusern werden von staatlichen Steuergeldern mitfinanziert.

 Auch der Religionsunterricht, in dem Kinder lernen, was die einzige, wahre und richtige Religion sei, wird erst vom Steuerzahler ermöglicht, egal, ob dieser Steuerzahler einer der großen Konfessionen angehört oder nicht. Genauso natürlich die Priesterausbildung oder die Gehälter der Mesner, Küster, Pfarrer und Bischöfe, die mit Hunderten von Millionen Mark aus dem Staatssäckel aufgestockt werden. Mit annähernd 200.000 DM Jahreseinkommen - geldwerte Privilegien nicht eingerechnet - brauchen Bischöfe auch keine Rentenphobien zu entwickeln, erst recht schon deshalb nicht, weil der Staat bei der Altersversorgung von geistlichen Würdenträgern ebensowenig geizt.

Da hilft auch kein Hinweis auf die vielbeschworene Caritas und die Diakonie, dem vorgeblich selbstlosen und für die Kirchen angeblich so kostenverzehrenden Dienst am Nächsten. Spätestens seit dem vielbeachteten Buch des Kirchenkritikers Horst Herrmann über Die Caritas-Legende kann eben diese Caritas wie auch die evangelische Diakonie als Hauptargument für die selbst dann noch verfassungswidrige Privilegierung beider Amtskirchen nicht mehr taugen. Die "Frohe Botschaft" ist in keiner ihrer vielen Facetten umsonst.

 Warum auch sollte sie es sein? Es darf als bekannt vorausgesetzt werden, daß keine Kirche ohne Geld existieren kann. Und da letztlich die meisten amtskirchlichen Einkünfte auf der freiwilligen Spenden- und Kauffreudigkeit ihrer Mitglieder fußen, sieht man einmal von staatlichen Subventionen und ähnlichen finanziellen Privilegien ab, kann auch die weitgefächerte Einkommenspolitik der Amtskirchen nicht als grundlegend falsch eingestuft werden.

 Daß unter dem Gesichtspunkt dieses Szenarios - das nur einen Teilausschnitt darstellt - ausgerechnet Vertreter der Großkirchen die Scientology Kirche als "profitorientiertes Wirtschaftsunternehmen" etikettieren, ist schon ein Glanzstück propagandistischer Ablenkungsstrategie. Während sich beide Amtskirchen selbst das Recht zubilligen, Vermögen zur Verwirklichung der ihnen eigenen Zwecke zu erwerben, was sie offenbar reichlich tun, und was ihnen im Prinzip zur Verwirklichung ihrer Aufgaben ja auch zusteht, unterstellen ihre Repräsentanten den neuen religiösen Gemeinschaften stets niedrigste, sprich rein materielle Motive.

Geht es beispielsweise um den Tomatenverkauf des Universellen Lebens (UL) auf Wochenmärkten, dann braucht es offenbar nur das Gezetere eines evangelisch-lutherischen "Sektenbeauftragten", namentlich Wolfgang Behnk, um den Verstand selbst gestandener stern-Redakteure gleich vollkommen aussetzen zu lassen: Um "Macht und Geld" gehe es da, und wer wisse denn schon, heißt es weiter in einem Artikel, "daß der Erlös des Honigs dem UL zugute kommt"?

 Und wem, so muß man sich unwillkürlich fragen, kommen die Milliardengeschäfte der Großkirchen zugute?

Nach den für "Sekten" geltenden Maßstäben sind beide Amtskirchen nichts anderes als gigantische Wirtschaftskonzerne, wie nicht wenige ihrer Kritiker ja auch nicht müde werden zu behaupten.

 Es gäbe viele weitere "Stichworte". Ihre Aufzählung ist nicht notwendig, weil sich das hier dargelegte Bild dadurch nicht ändert, nur verfestigt. Im übrigen darf davon ausgegangen werden, daß die obig aufgeführten Umstände, wie auch die hier nicht mehr aufgeführten, den meisten Mitgliedern der Enquete und auch Regierungsstellen sowie Behörden nicht ganz neu sein dürften.

 Was den "Sekten" so gerne als "Konfliktpotential" unterschoben wird, also als Möglichkeit, ist unter den beschriebenen Kriterien bei den Amtskirchen nicht nur Realität, sondern Normalität. Unter diesem Gesichtspunkt ist es zumindest pharisäerhaft, wenn ausgerechnet amtskirchliche "Sektenbeauftragte" und amtskirchlich liierte Politiker, wie die Enquete-Vorsitzende Ortrun Schätzle, sich dazu berufen fühlen, den Stab über vergleichsweise unbefleckte Minderheitsreligionen zu brechen.

Die Enquete ließ es sich auch nicht nehmen, sogar direkt eine "Sektenberatung" bei einem bischöflichen Generalvikariat mit einem Gutachten über "Beratungsbedarf und auslösende Konflikte im Fallbestand einer sogenannten Sektenberatung" zu beauftragen. Geplant ist ferner, daß im schulischen Religionsunterricht mehr "Aufklärung" gegen Sekten betrieben wird. Das wird den Amtskirchen sicher nicht unrecht sein, auch wenn es Unrecht ist.

 Die Scientology Kirche achtet den katholischen wie auch den evangelischen Glauben und die Gläubigen beider Kirchen. Nichts von dem Gesagten sollte dahingehend fehlinterpretiert werden, daß die Scientology Kirche ein eigenständiges Interesse an denselben Gleichsetzungsmaßstäben hätte, wie diese umgekehrt von den christlichen Großkirchen an ihr praktiziert werden - ungeachtet dessen, daß diese Gleichsetzungsmaßstäbe erschreckende Schlüsse hinsichtlich der Großkirchen nahezulegen scheinen.

Zumindest werfen die geschilderten Aspekte, die allesamt nur Teil eines weit größeren Spektrums sind, die Frage auf, was Politik, Amtskirchen und Bonner Enquete der Scientology Kirche eigentlich glauben vorwerfen zu müssen: Daß sie weniger Straftäter in ihren Reihen aufweist, als das bei den Amtskirchen und Parteien jemals der Fall sein wird? Daß sie keine Leichenspur durch die Jahrhunderte gelegt hat? Daß ihre Geistlichen noch nie durch Selbstmorde, Wahntaten oder Alkoholismus von sich Reden machten? Daß sie keine Reichtümer anhäuft? Daß sie keine Banken, Versicherungsgesellschaften und Wirtschaftsimperien unterhält?

Tatsache ist: Legt man an Scientology die gleichen Maßstäbe an wie an den Rest der Gesellschaft, gäbe es nicht das geringste Problem! Dasselbe gilt für das "Sektenproblem" insgesamt.

 Für die vorbestimmten Ergebnisse der "Sekten-Enquete" mag diese Anregung fruchtlos sein. Aber zumindest zukünftige oder schon bestehende andere Gremien sollten sich eingehend darüber beraten, unter welchen Gesichtspunkten sie eine religiöse Gemeinschaft als "kriminell" einstufen, ihre Mitglieder als "Opfer" diskriminieren und ihre Lehren verächtlich machen und als "gefährlich" klassifizieren, wie verdeckt-subtil auch immer sie dies tun mögen.

In nicht wenigen Teilen der Welt - beispielsweise in China und in verschiedenen islamisch geprägten Regionen der Erde - werden Christen aus genau denselben unhaltbaren Gründen diskriminiert oder verfolgt, auf deren Grundlage Minderheitsreligionen in der BRD durch die christlichen Amtskirchen und den christlich geprägten Staat diskriminiert, ausgegrenzt und zu Staatsfeinden erklärt werden.

 Die Bundesregierung sollte sich auch daran erinnern, daß die Vereinigten Staaten ihre eigene Unabhängigkeitserklärung mit der sehr starken Betonung religiöser Grundrechte vor Augen hatten, als sie den Deutschen den Artikel 4 ins Grundgesetz diktierten. Darin steht nichts davon, daß Politik und Amtskirche darüber befinden, welche Weltanschauung erwünscht ist oder nicht. Im Gegenteil, Artikel 4 GG soll ja gerade die religiöse Minderheit, die einzelne Überzeugung, vor den Unterdrückungsmechanismen des Zusammenwirkens der weltlichen und staatskirchlichen Macht in Schutz nehmen, gerade weil die Nähe von Kirche und Staat in Deutschland soviel Unheil angerichtet hat.

 Selbstverständlich würde eine Anwendung der aufgeführten Kriterien, Bewertungsmaßstäbe und "Vorgehensweisen" auch auf eine beliebige andere Organisation oder Vereinigung kein anderes Bild ergeben. Das liegt in der Natur dieser "Kriterien".

 Wie nehmen sich unter ihnen zum Beispiel die bekannt gewordenen Selbstmordzahlen unter Bonner Regierungsangestellten aus? (Die alles in den Schatten stellen, was der Gesamtheit der deutschen "Psychosekten" über Jahrzehnte angelastet werden kann.) Aber derselbe Kreis von Leuten - Bonner Regierungsstellen - bringt ungeniert die Zugehörigkeit zu einer Minderheitsreligion mit "Selbstmordgefahr" in Verbindung. Alleine schon im Außenministerium des Herrn Kinkel liegt diese "Gefahr" faktisch (statistisch) um ein Vielfaches höher als in einer beliebigen deutschen Minderheitsreligion.

 Wie nimmt sich unter den dargelegten Kriterien bundesdeutscher "Sektenpolitik" die Kriminalitätsrate der Münchner CSU aus? Man denke nur an den ehemaligen CSU-Fraktionsvorsitzenden im Münchner Stadtrat, Gerhard Bletschacher, der zu einer mehrjährigen Haftstrafe wegen Untreue und anderer Delikte verurteilt wurde. Muß die Münchner CSU für das Fehlverhalten früherer Spitzenfunktionäre jetzt in Sippenhaft genommen werden? Wenn Bletschacher führendes Mitglied einer "Sekte" gewesen wäre, dann würde sich die Frage gar nicht erst stellen, was seine Verurteilung unter "sektenpolitischen" Bewertungsmaßstäben für die jeweilige Vereinigung bedeutet hätte.

Es kann nicht oft genug gesagt werden:

Die verantwortlichen Stellen täten gut daran, die aufgeführten "Beurteilungskriterien", Prämissen, Maßstäbe und Vorgehensweisen einer eingehenden Prüfung zu unterziehen und diese den tatsächlichen Gegebenheiten und vor allem den Mindestanforderungen an die Wahrung von Menschenrechten und Grundrechten und somit dem Gleichbehandlungsgrundsatz anzupassen.

 Im Zuge einer Gleichbehandlung ist es für die Beurteilung der Scientology Kirche im übrigen völlig unerheblich, ob irgendwo auf der Welt ein Scientologe tatsächlich eine Straftat begangen hat, ob irgendwo ein Scientologe tatsächlich eine Firma "unterwanderte", wie immer das auch gehen soll, oder ob er selbst gar demokratiefeindlich eingestellt ist. So wenig wie das erzbischöfliche Ordinariat München-Freising für den katholischen Einbrecher in München seinen Kopf hinhalten muß, so selbstverständlich sollte es allein schon nach Vernunftsgeboten sein, auch tatsächliches Fehlverhalten oder persönliche Ansichten oder Aussagen einzelner Scientologen nicht als Beurteilungsmaßstab für ihre Kirche herzunehmen.

Dieses Ansinnen mag zwar ein "Umdenken" voraussetzen. Es entspricht nichtsdestoweniger mehr der Werteordnung unserer Verfassung und unseres Rechtsstaats als die von Gegnern der Scientology Kirche ersonnenen und praktizierten Maßstäbe und "Beurteilungskriterien".
 

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