Zweifelhafte Informationsquellen

Die bisherige Argumentation gegen Scientology (und "Sekten" im allgemeinen) stützte sich fast ausschließlich auf erklärte Gegner und ehemalige Mitglieder der Scientology Kirche oder anderer Vereinigungen.

 Konkret handelt es sich nicht einfach nur um "ehemalige Mitglieder", sondern um den verschwindend geringen Prozentsatz solcher ehemaligen Mitglieder, die entweder tatsächlich negative Erfahrungen gemacht haben oder zumindest vorgeben, diese gemacht zu haben. Nur diesen Apostaten wird in der "Sektendebatte" eine Stimme eingeräumt, nur sie werden auch von der Bonner Enquete angehört. Ehemalige Mitglieder, die mit den behaupteten Erfahrungen der "Aussteiger" nie in Berührung kamen, die weder "geflüchtet" sind noch "verfolgt" wurden, werden grundsätzlich nicht gehört. Das kommt nicht von ungefähr. Ihre Aussagen würden das gängige Bild vom terrorisierten Aussteiger erheblich trüben.

 Die aus dieser Praxis resultierenden "Vorwürfe" sind in nicht wenigen Fällen von Umständen geprägt, die der Wahrheitsfindung alles andere als dienlich sind. Wie an anderer Stelle ausgeführt, muß obendrein davon ausgegangen werden, daß es für manche Regierungsstellen oder Behörden eben gar nicht darum zu gehen scheint, ob eine von solchen Gegnern oder Ex-Mitgliedern erhobene Anschuldigung nun tatsächlich wahr ist oder nicht. Hauptsache, die Anschuldigung steht im Raum.

Sowohl der gesunde Menschenverstand als auch Studien anerkannter Religionswissenschaftler sagen einem, daß bei Ex-Mitgliedern als Informationsquellen - und vor allem bei "berufsmäßigen" Ex-Mitgliedern - im günstigsten Falle ein einseitiges, meist hingegen ein von Schuldgefühlen, Haß und Rache geprägtes Bild über die ehemalige Gemeinschaft entsteht.

 Prof. Bryan Ronald Wilson, Professor Emeritus für Soziologie an der Universität von Oxford und einer der anerkanntesten Religionswissenschaftler der Welt, hat den Mythos sogenannter "Insider-Informationen" ehemaliger Religionsmitglieder mit wissenschaftlicher Gründlichkeit untersucht und analysiert:

 "Jede Religion, die behauptet, einen eigenen definierten Umfang an Doktrinen und Praktiken zu haben, die sie ausnahmslos als ihre eigenen ansieht, ist wahrscheinlich mit dem Umstand konfrontiert, daß von Zeit zu Zeit Mitglieder ihre Zugehörigkeit aufkündigen und sich den Glaubensregeln nicht mehr verpflichtet fühlen. - Das sogenannte 'Große Schisma' der östlichen (orthodoxen) und westlichen (katholischen) Kirchen sowie das Entstehen des Protestantismus sind dramatische Beispiele dafür."

 "Es ist nicht unüblich, daß der Abtrünnige eine 'Schauergeschichte' einstudiert, um zu erklären, wie er mittels Manipulation, Tricks, Zwang oder Täuschung dazu verführt wurde, sich einer Organisation anzuschließen oder ihr treu zu bleiben, welcher er jetzt abschwört und die er verdammt. Abtrünnige, von der Presse zur Sensation hochstilisiert, haben manchmal versucht, durch den Verkauf ihrer Erfahrungsberichte an Zeitungen oder durch das Produzieren von Büchern daraus Kapital zu schlagen."

 In seiner Analyse stellt Prof. Wilson fest, "daß weder objektive Soziologen noch Gerichte Abtrünnige als vertrauenswürdige oder zuverlässige Informanten betrachten können. Ihre persönliche Geschichte macht sie immer empfänglich für Voreingenommenheit sowohl bezüglich ihrer ehemaligen religiösen Bindung als auch bezüglich ihrer ehemaligen Glaubensbrüder und -schwestern."

 Die den Zeugenaussagen von Ex-Mitgliedern oder Abtrünnigen innewohnende Unzuverlässigkeit wurde auch in einer wissenschaftlichen Arbeit von Lonnie D. Kliever, Professorin und Lehrstuhlinhaberin für Religionswissenschaft an der Southern Methodist University in den Vereinigten Staaten, beschrieben:

 "Es ist nicht von der Hand zu weisen, daß diese eifrigen und starrköpfigen Gegner neuer Religionen der Öffentlichkeit, der Wissenschaft und den Gerichten aufgrund ihrer leichten Verfügbarkeit und ihrer großen Bereitschaft zur Zeugenaussage gegen ihre frühere religiöse Gemeinschaft und Aktivität eine verdrehte Ansicht der neuen Religionen präsentieren."

 "Solche Abtrünnigen handeln immer im Rahmen eines Szenarios, das sie selbst reinwäscht, indem es die Verantwortung für ihre Taten der religiösen Gemeinschaft in die Schuhe schiebt. In der Tat wurden die verschiedenen Gehirnwäsche-Szenarios, die den neuen religiösen Bewegungen so oft vorgeworfen wurden, von der überwältigenden Mehrheit der Sozial- und Religionswissenschaftler lediglich als kalkulierte Versuche zurückgewiesen, den Glauben und die Praktiken unkonventioneller Religionen in den Augen von Regierungsbehörden und der öffentlichen Meinung zu diskreditieren. Solche Abtrünnige können von verantwortungsbewußten Journalisten, Wissenschaftlern oder Juristen kaum als verläßliche Informanten angesehen werden."

 Es ist bekannt, daß es ehemalige oder anderweitig "abgefallene" Mitglieder der etablierten Kirchen sind, die zu ihren eifrigsten Gegnern zählen. Wie bereits an früherer Stelle angedeutet, gibt es mittlerweile zahllose Werke mit den erschreckendsten Anklagen gegen die katholische und die evangelische Kirche. Niemals aber kämen die Innenminister auf die Idee, allein die Vorwürfe eines Karlheinz Deschner (Kriminalgeschichte des Christentums) oder eines Horst Herrmann (Der Anti-Katechismus) zum Anlaß zu nehmen, nach dem Verfassungsschutz zu rufen, um die Ausschöpfung "aller rechtlichen Möglichkeiten" gegen die christlichen Kirchen zu diskutieren und umzusetzen. Und sie täten das zu Recht auch nicht, weil die oben genannten wissenschaftlichen Erkenntnisse zu "Ex-Mitgliedern" natürlich auch auf einen Karlheinz Deschner oder eine Ute Ranke-Heinemann zutreffen, trotz deren durchaus profunden Kenntnisse amtskirchlicher Strukturen.

 In der Bekämpfung der neuen religiösen Bewegungen werden jedoch alle nur denkbaren Geschütze aufgefahren. In nicht wenigen Fällen sind die engagierten Gegner neuer religiöser Bewegungen auch dazu übergegangen, vollkommen frei erfundene Horrorgeschichten zu vermarkten, wie am Beispiel des Falls "Anita Stutz" verdeutlicht werden soll:

 Vor dem bereits aufgepeitschten Publikum einer Veranstaltung zum Thema Scientology erzählt Anita Stutz mit zitternder Stimme und scheinbar unter Tränen ihre bestürzende "Opfer"-Geschichte und wie ihr geschiedener Mann an Scientology "zerbrach". Ihre 13jährige Tochter erscheint auf der Bühne und bestätigt die Ausführungen der Mutter. Die Menge ist entsetzt, Frau Stutz scheint kurz vor einem Nervenzusammenbruch und verläßt, von Helfern gestützt, das Mikrophon. Diese Geschichte schockiert nicht nur Hunderte von Veranstaltungsteilnehmern, sondern auch Millionen von Fernsehzuschauern.

Noch schockierender ist jedoch die Wahrheit. Denn weder Frau Stutz noch ihr Ehemann waren jemals Mitglied der Scientology Kirche. Vor Gericht entpuppt sich das Schicksal der Frau Stutz als ein Lügengespinst, das einzig und allein ihrer Phantasie entsprungen war.

 Nachdem bewiesen war, daß es sich bei der Geschichte der Frau Stutz um eine freie Erfindung handelt, urteilte das Landgericht Ravensburg (Aktenzeichen: 4 O 194/92) am 27.02.1992 wie folgt:

 "Der Verfügungsbeklagten (Anm.: Frau Anita Stutz) wird es verboten,

 a) zu behaupten, ihr geschiedener Mann - sei an der Scientology Kirche zerbrochen und/oder ihre Kinder hätten dies erlebt;

 b) zu behaupten, es bestehe ein Zusammenhang zwischen der Verfügungsklägerin (Anm.: die Scientology Kirche Deutschland) und - zwei Mordanschlägen auf [Anita Stutz] und/oder - Schulden der [Anita Stutz] in Höhe von DM 300.000,- und/oder - einem Prozeß gegen [Anita Stutz] als Heiratsschwindlerin, in den ein Polizist verwickelt sei.

 Für jeden Fall der Zuwiderhandlung wird [Anita Stutz] - ein Ordnungsgeld bis zu DM 500.000, im Uneinbringlichkeitsfalle Ordnungshaft, oder sogleich Ordnungshaft bis zu 6 Monaten angedroht."

 Dieses Urteil wurde vom Oberlandesgericht Stuttgart (Aktenzeichen: 4 U 83/92) am 26.08.1992 bestätigt. Die Medien hatten an dem Urteilsspruch und der Wahrheit weit weniger Interesse als an den erfundenen Horrorgeschichten von Anita Stutz - aber das war voraussehbar. Aus diesem Grunde gibt es in Deutschland immer noch Leute, welche die Behauptungen von Frau Stutz - und zahlreiche andere - gelesen oder gehört haben, ohne jemals darüber aufgeklärt worden zu sein, daß sie vollständig erfunden waren.

 Bereits im Jahre 1977 mußte das Landgericht München feststellen, daß der bekannte "Sekten"-Pfarrer Friedrich-Wilhelm Haack "Opfergeschichten" frei erfand, um seiner Botschaft gegen neue religiöse Bewegungen "mehr Nachdruck" zu verleihen, wie er es nannte.

 Eine nicht minder schockierende Geschichte präsentierte das angebliche Ex-Mitglied Anita Sautter (auch als Anita Kretschmar bekannt). Bereits in einer Justizvollzugsanstalt einsitzend konstruierte die als pathologische Hochstaplerin gerichtsbekannte Anita Sautter ihre angebliche Scientology-Mitgliedschaft. Schließlich erklärt sie den Behörden, daß sie als "Geheimagentin" der Scientologen den Auftrag gehabt habe, die Scientology-Gegnerin Renate Hartwig mittels einer Autobombe zu beseitigen.

Obwohl sich die frei erfundene Agenten-Geschichte Sautters relativ schnell als Hirngespinst entpuppte, vermarktete Renate Hartwig die Story ohne Skrupel in einem Anti-Scientology-Buch. Wider besseren Wissens wurde sie benutzt, um für das in einem katholischen Verlag erschienene Hartwig-Buch die Werbetrommel in ganz Deutschland zu rühren.

Tatsächlich hatte Anita Sautter zu keinem Zeitpunkt irgendetwas mit der Scientology Kirche zu tun. Im Juli 1996 wurden dem Verlag und der Autorin verboten, die Geschichte weiterhin zu veröffentlichen. Darüber hinaus wurden Verlag und Autorin gesamtschuldnerisch zu 30.000 DM Schmerzensgeld verurteilt, weil sie einen Anwalt der Scientology Kirche mit dem frei erfundenen Mordkomplott in Zusammenhang gebracht hatten. Eine Richtigstellung der Geschichte durch die Medien fand auch in diesem Fall kaum statt.

 Ein weiteres Beispiel:

Frau Ursula Rieken war ganze vier Tage "Mitglied" der Scientology Kirche. Danach tritt sie über zwei Jahre lang in den Medien gegen Scientology auf und vermarktet ihre dramatischen Erlebnisse einschließlich ihres "glücklichen Ausstiegs". Die "Story" wird von den Medien bereitwillig aufgegriffen und vervielfältigt. Genausogut könnte sich jemand zwei Sonntagspredigten anhören, um danach seine "schrecklichen Erfahrungen" mit der katholischen Kirche medienwirksam zu vermarkten.

 Tatsächlich war Ursula Rieken am 17.6.1988 in die Scientology Kirche ein- und am 21.6.1988 wieder ausgetreten. Nach dem Bekanntwerden dieser Fakten verebbte die Medienflut, eine Korrektur der Geschichte fand jedoch nie statt.

 Aufgescheucht durch die massive Pressekampagne gegen neue Religionen hatte sich der Münchner Diplom-Psychologe Georg Sieber schon in den 80er Jahren auf die Suche nach den angeblichen Opfern gemacht. Mit Zeitungsanzeigen und öffentlichen Aufrufen im Radio forderte er sie auf, sich zu melden. Auch die sogenannten Experten bat er um Hilfe bei seiner Suche. Insgesamt erreichte er - laut Spiegel - 20 Millionen Menschen. Das mehr als magere Ergebnis dieses Aufwandes ist ein weiterer Beleg dafür, daß die Kontroverse um neue religiöse Bewegungen viel Lärm um nichts ist. Sieber kam in seiner Studie zu dem Schluß, daß es "wenig wirklich objektive Informationen" und "keine nennenswerten Fallzahlen" gibt.

 Zu einem ähnlichen Ergebnis kam eine aufwendige Studie, die von der Bundesregierung im Jahre 1981 beim European Center for Social Welfare and Research in Auftrag gegeben wurde.

 Aufgrund dieses für die neuen religiösen Bewegungen (einschließlich Scientology) positiven Ergebnisses ließ die Bundesregierung diese Studie allerdings in der Schublade verschwinden. Auf einer Veranstaltung erklärte der darauf angesprochene Vertreter der Bundesregierung, Norbert Reinke, diese wissenschaftliche Arbeit sei "wertlos", weil dabei auch Vertreter der jeweiligen Gemeinschaften befragt worden seien (!).

Für eine Reihe von Regierungsstellen existieren auch nicht die Fakten, die von den eigenen staatlichen Ermittlungsbehörden beweiskräftig eruiert oder belegt worden sind, wenn diese Fakten nicht "linientreu" ausfallen. Nur ein Beispiel: Im Jahre 1992 wurde die Kriminalpolizei in Hamburg aktiv, um die haarsträubenden Vorwürfe des jetzigen Enquete-Mitglieds Ursula Caberta gegen die Scientology Kirche zu untersuchen. Drei Jahre intensivster Ermittlungen und alle Bemühungen, bei den damals bekanntesten Scientology-Gegnern und Betreuern der angeblichen "Opfer" fündig zu werden, endeten im Nichts. Keiner der Befragten konnte vor dem Staatsanwalt konkrete Angaben machen oder die ursprünglichen pauschalen Vorwürfe belegen. Das gesamte Lügengebäude brach im Juni 1994 zusammen, als das wohl umfassendste Ermittlungsverfahren gegen die Scientology Kirche sang- und klanglos eingestellt wurde.

 Die ausführliche Einstellungsverfügung der Staatsanwaltschaft Hamburg vom 17. Juni 1994 stellt z. B. fest:

 "Die Zeugin Hartwig, die sich als Vorsitzende des Vereins Robin Direkt e.V. seit 1989 mit der Thematik Scientology und mit der Aussteigerproblematik befaßt, hat auf die Zeugin Leyendecker-Schweitzer als konkretes Beispiel für den Druck hingewiesen, den die Scientology-Organisation auf Aussteiger ausübe. Weitere konkrete Beispiele benannte sie bei ihrer Vernehmung nicht."

 Die einzige genannte Zeugin konnte offenbar ebenfalls keine strafrechtlich relevanten Angaben machen.

 Und: "Über der Scientology-Organisation zurechenbare Straftaten gegen den ehemaligen Scientologen Potthoff - ist ebenfalls nichts bekannt geworden."

 Doch auch mit diesem eindeutigen Ergebnis konnte sich Ursula Caberta nicht zufrieden geben. Sie legte Beschwerde gegen die Einstellungsverfügung ein. Erneut mußte die Staatsanwaltschaft Zeit, Energie und Steuergelder aufwenden, um zu suchen, was nicht existiert, bis der Generalstaatsanwalt Hamburg auch diese Beschwerde abwies.

 Norbert Potthoff, der in den 80er Jahren ganze 6 Monate in einer kleinen Scientology-Mission in Düsseldorf Teilzeitmitarbeiter war, diente sich mit immer neuen abenteuerlichen Geschichten und -theorien als "Top-Manager", "hochrangiger Insider" und "Direktor für Öffentlichkeitsarbeit" Behörden an. In Gutachten und sogar von Verfassungsschutzbehörden wurden Potthoffs Erzählungen begierig und kritiklos übernommen.

Statt z. B. zu akzeptieren, daß die sogenannten Zeugen keine Straftatbestände aufzeigen konnten, wird stattdessen eher noch die Schutzbehauptung aufgestellt, sie hätten "Angst auszusagen". Auch diese Behauptung ist nichts als eine weitere Lüge, wie u. a. aus einer Antwort des Hamburger Senats aus dem Jahr 1992 auf eine entsprechende Anfrage hervorgeht: "Die Frage, ob Zeugenschutz gewährt werden könne, bejahten die Senatsvertreter mit 'wenn es Zeugen gäbe'."

Beispiele für aufgebauschte und erfundene Horrorgeschichten hingegen gibt es viele, nicht wenige davon auch gerichtlich dokumentiert.

 Nichtsdestotrotz verwenden beispielsweise die Innenminister von Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen immer noch genau die Zeugen, deren Vorwürfe vor der Staatsanwaltschaft wie Seifenblasen zerplatzten.

 Viel ergiebiger als die Ermittlungen gegen neue religiöse Bewegungen wären Untersuchungen zu denjenigen Personen, die trotz eindeutiger Gegenbeweise immer wieder die alten Vorwürfe aufwärmen oder neue konstruieren.

Renate Hartwig beispielsweise, Hausfrau und selbsternannte "Bundesvorsitzende" des Vereins "Robin Direkt", trat strafrechtlich wegen Betrugs und Beleidigung in Erscheinung. Fast alle Gründungsmitglieder ihres dubiosen Vereins sind ebenfalls mit dem Strafgesetz in Konflikt gekommen. Ihr selbst wurden gerichtlich zahlreiche Behauptungen verboten. Vom Landgericht Hamburg mußte sie sich sagen lassen, daß sie eine von ihr Beklagte, die sie in aller Öffentlichkeit als Hochstaplerin und kriminelle Frau bezeichnet hatte, nicht wegen Beleidigung belangen könne. Gemeinsam mit ihrer ehemaligen Freundin Ursula Caberta aus der Hamburger Innenbehörde forderte sie "Sondergerichte" für Scientologen sowie die Beschlagnahme ihres Eigentums - dieselbe Frau Hartwig, von der die Medien berichtet hatten, daß sie ihren Hund auf Scientologen "abgerichtet" habe. Er könne sie "am Geruch erkennen". Die Staatsanwaltschaft Ravensburg nannte sie "eine schillernde, nicht ganz seriöse Persönlichkeit", die Süddeutsche Zeitung meinte sogar, Hartwig hielte sich "inzwischen für die einzige Person mit Durchblick und verfolgt andere - mit wahnhaften Angriffen aller Art".

Das bayerische Innenministerium hinderte das nicht, Renate Hartwig weiterhin als "Informationsquelle" zu benutzen.

 Auch historisch ist die "Nutzung" von aufgebauschten, verallgemeinerten oder gar gänzlich erfundenen Aussagen von Apostaten zur Bekämpfung einer religiösen Vereinigung nichts Neues. Weniger bekannt ist freilich, daß mit dieser Methode schon weit vor den Dreißiger Jahren auch das Klima für die Judenverfolgung im Dritten Reich geschaffen wurde.

Es waren nicht einfach nur "Gegner" und "Kritiker" (Antisemiten), die die ungeheuerlichsten Vorwürfe gegen die Juden in die Welt setzten. Die Antisemiten belegten ihre rassistischen und verleumderischen Thesen wiederum mit den Aussagen und öffentlichen Erklärungen ehemaliger Juden und mit "Zitaten" von Anhängern des jüdischen Glaubens. Das ging nach dem Motto: Seht ihr, wir haben uns das nicht selbst ausgedacht. Ex-Juden und selbst Juden bestätigen das Gesagte.

 Der berüchtigte Antisemit Artur Dinter beispielsweise hängte seinem 1920 bereits in der 14. Auflage erschienenen Hetzroman Die Sünde wider das Blut eine 60seitige Materialsammlung an, die größtenteils aus den Aussagen von Ex-Juden und Juden bestand, um damit seine antisemitischen bzw. antijüdischen Thesen zu bekräftigen. Selbst Karl Marx - Ex-Jude, bevor sein Vater zum Protestantismus zwangskonvertierte - durfte aufgrund seines Abfalls vom jüdischen Glauben dort zu Wort kommen: "Welches war an und für sich die Grundlage der jüdischen Religion? Das praktische Bedürfnis, der Egoismus. Das Geld ist der eifrige Gott Israels, vor welchem kein anderer Gott bestehen darf."

 Das klingt vertraut.

Wie unglaublich einfach es viele Apostaten und auch vorgebliche Apostaten haben, ihre oft vollständig von der Realität gelösten Erfahrungen und ihr "Insider-Wissen" um die jeweilige Gemeinschaft an den Mann zu bringen, soweit sie ihre Erzählung nur "spannend" genug gestalten, wurde bereits angeführt.

 Als allgemeines geschichtliches Beispiel zu dieser Problematik ist aber die sogenannte "Taxil-Affäre" kurz vor der Jahrhundertwende durchaus erwähnenswert.

 Damals hatte sich der ehemalige Freimaurer und prominente Freidenker und Antiklerikale Gabriel Jogand-Pagès alias Leo Taxil den Anti-Freimaurer-Wahn der katholischen Kirche zunutze gemacht, war - zumindest dem Schein nach - zum Katholizismus konvertiert und hatte dem päpstlichen Nuntius schreiberische Wiedergutmachung für sein bisheriges antiklerikales Schaffen angeboten: ein "Enthüllungsbuch" von einem "Insider" über die Freimaurerei. Wohlgemerkt: Taxil war bereits nach wenigen Monaten von der Freimaurerloge, der anzugehören er versucht hatte, wegen schlechten Betragens hinausgeworfen worden.

Taxil schrieb sein "Enthüllungsbuch". Es erreichte über 40 Auflagen, er selbst internationale Berühmtheit. Der Haken an der Geschichte: Kein Wort war wahr.

 Angeblich wollte Taxil nur testen, wie weit er "die Leichtgläubigkeit der Katholiken" strapazieren konnte, wie er später sagte. Und das tat er gründlich - einschließlich Segnung durch den unfehlbaren Papst für sein antifreimaurerisches Wirken. Zwölf lange Jahre unterschob Taxil den Freimaurern vom "Satanskult" bis zum "Meuchelmord an Abtrünnigen als Aufnahmeritus" jede nur erdenkliche Untat. Einige freimaurerische Proteste schrieb er selbst unter anderem Namen, alles in einer Weise, daß jeglicher freimaurerische Versuch, der Hetzpropaganda Einhalt zu gebieten, bei der sowieso bereits vorurteilsbehafteten katholischen Bevölkerung zum Scheitern verurteilt war.

 1892 verfaßte Taxil mit einem seiner Mitarbeiter, Dr. Hacks, ein illustriertes Anti-Freimaurer-Werk, in dem es von antichristlichem Gewürm, Hexen, Teufeln und allerlei Ungeheuern nur so wimmelte. All dies warf er dem "aufgeklärten" Europa als "Tatsachen" vor die Füße. Der vorgebliche Umstand, daß Taxil ja schließlich ein "Insider" war, schien den Verstand sämtlicher Beteiligten vollständig zu blockieren. Selbst Kaiser Wilhelm II. und Bismarck waren seinerzeit Teil der Anti-Freimaurer-Debatte.

Hacks in seinen Erinnerungen: "Manchmal, wenn ich eine unglaubhafte Geschichte aufs Tapet brachte" - beispielsweise die vom klavierspielenden Krokodil auf einer satanischen Freimaurerorgie - "sagten mir meine Mitarbeiter, denen vor Lachen die Tränen in den Augen standen: Teuerster, Sie gehen zu weit! Sie verderben den ganzen Spaß! Ich antwortete ihnen: Bah! Lassen Sie mich nur gewähren! Das wird schon gehen. Und es ging in der Tat -"

 Zur Erinnerung: Auch dem angeblichen Ex-Scientologen und "Insider" Garry Scarff und seinen Kollegen standen "vor Lachen die Tränen in den Augen", wie er freimütig vor Gericht bekannte, nachdem er sich vorher der staunenden Menge als "letzter Überlebender von Guyana" offeriert hatte.

 Am 19. April 1894 schließlich ließ Taxil den Schwindel vor 400 geladenen Journalisten, Priestern und zwei päpstlichen Delegierten platzen. Die Freimaurer aber haben sich tatsächlich bis zum heutigen Tage nie ganz von der Taxil-ra erholt. Wenn man heute an Freimaurerei denkt, dann denken nicht wenige an genau das, was Taxil seinerzeit der europäischen Bevölkerung einhämmerte.

 Diese Geschichte ist auch heute noch relevant. "Aussteiger" finden bei Verfassungsschützern, bestimmten Regierungsstellen und Gremien wie der Enquete immer ein offenes Ohr, ganz egal, welchen baren Unsinn sie auch von sich geben. Und ganz egal, was die betroffene Gemeinschaft dazu sagt (falls sie überhaupt etwas dazu sagen darf).

 Nicht wenige solche Aussteiger haben die Zeichen der Zeit erkannt: Als "Kronzeuge" gegen Sekten kann man in Deutschland heutzutage eine Menge Geld verdienen, wenn man es geschickt anstellt. Leute wie Peter Voßmerbäumer sind keine Seltenheit. 1973 wurde er aufgrund seines kriminellen Vorlebens als Mitarbeiter einer Scientology Kirche abgelehnt und auch nie mehr als Mitarbeiter zugelassen. 23 Jahre später erschien er als "Top-Insider" auf dem Buchmarkt, in Talk-Shows und beim Verfassungsschutz.

 Ein kürzliches Beispiel verdeutlicht die bundesdeutsche Aussteiger-Besessenheit aufs Neue: Ende Februar 1998 befand sich eine 10köpfige Delegation der Bonner Enquete-Kommission zu einem sogenannten Informationsbesuch in den USA. Zum einen ging es darum, "Verständnis für die deutsche Position gegenüber Scientology" zu schaffen. Zum anderen ging es um die Einholung von "Munition" gegen Scientology. Befragt wurden ausschließlich "professionelle" Aussteiger und ihre Anwälte - Leute, die seit Jahren versuchen, aus der amerikanischen Scientology Kirche Geld herauszupressen.

Nach Rückkehr der Enquete informierten die verschiedenen Partei-Obfrauen und

-Obmänner in der Enquete die Öffentlichkeit über ihre Erkenntnisse. Jetzt sei "auch die dunkle, totalitäre Seite der Organisation deutlich geworden". Denn "die Scientologen schrecken auch vor Nötigung, Erpressung, Psychoterror und juristischen Kampfstrategien bis zur Vernichtung der bürgerlichen Existenz nicht zurück", äußerte sich Ortrun Schätzle, gerade so, als ob ihren eigenen Glaubenskollegen und -kolleginnen derartiges nie in den Sinn kommen würde. Angelika Köster-Loßack (Bündnis 90/Die Grünen) sieht plötzlich auch "totalitäre Züge", die sie vorher nicht gesehen habe. Man müsse halt "die Aufklärung über die Machenschaften von Scientology" verstärken - in Deutschland natürlich.

 Wurde wenigstens der amerikanischen Kirche Gelegenheit gegeben, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen? Aber nein. Darf die deutsche Scientology Kirche erfahren, was ehemalige Mitglieder über die kalifornische Scientology Kirche, aber sicher nicht über die deutsche, zu berichten wußten? Nein. Wurde irgendwo verlautbart, was das Ganze überhaupt mit der deutschen Scientology Kirche und ihrer Bewertung zu tun haben soll? Natürlich nicht. Wird die deutsche Scientology Kirche jemals zu den "geheimen Akten" Stellung nehmen dürfen, die laut Presse der Enquete in den USA gezeigt worden seien, und deren offenbar alles andere als geheimer Inhalt jetzt dazu dienen soll, der deutschen Scientology Kirche weiter nachzustellen? Schon die bloße Erwägung einer solchen Möglichkeit zur Stellungnahme liegt weit außerhalb der dargelegten Politik der Enquete-Kommission.

 Hätte die Bonner Enquete es umgekehrt je gewagt, in ähnlicher Weise mit einer amtskirchlich geschützten Religionsgemeinschaft zu verfahren? Sich also beispielsweise ausschließlich mit Vertretern antikatholischer Kreise in den USA zu treffen, um dann mit anonymen amerikanischen Anschuldigungen Hetzpropaganda gegen die Katholiken in Deutschland zu betreiben? Ganz sicher nicht. (Das typische antiklerikale "Material" aus den Vereinigten Staaten behandelt wohlgemerkt nicht nur angebliche Nötigung und "juristische Kampfstrategien", sondern knallharte Mafiageschäfte, tote Zeugen und geschändete Kinder, um nur einige Zutaten zu nennen.)

 Passend zu der obigen Vorgehensweise, die vollständig im Anonymen gehalten wird, und dennoch oder genau deswegen zur Begründung weiterer "Maßnahmenpakete" gegen die deutsche Scientology Kirche dient, ist Ortrun Schätzles Resümee der Amerikareise: "Wir konnten mit aller Deutlichkeit klarstellen, daß in Deutschland niemand wegen seiner religiösen Zugehörigkeit diskriminiert wird."

 Aussagen von sogenannten Aussteigern, vor allem, wenn sie anonym getätigt werden, führen im Falle von "Sekten" auch regelmäßig zur vollständigen Entrechtung der jeweiligen Gemeinschaft. Vielleicht dramatischstes Beispiel der jüngsten Zeit - wenn auch nicht das einzige - war der angebliche Massensuizid einer Gruppe von Menschen auf der spanischen Insel Teneriffa im Januar 1998. Ausgelöst wurde die Polizeiaktion von einer Behauptung eines ehemaligen Mitglieds, die ausgerechnet deutschen Behörden zugetragen wurde. Das Ergebnis ist bekannt. Mittlerweile - vier Monate und 4000 Zeitungsartikel später - gibt es nicht den geringsten Beleg für die "rechtzeitige Verhinderung eines Massenselbstmordes". Natürlich wurde auch kein "Gift" gefunden, wie Wochen später kleinlaut von den spanischen Behörden zugegeben wurde, obwohl die Laborergebnisse aller beschlagnahmten Substanzen sicher bereits kurz nach den spektakulären Verhaftungen im Ergebnis feststanden.

 Der gnadenlose Rufmord an sämtlichen Beteiligten ("Der Todes-Engel von Teneriffa", "Neuer Wirbel um die Todes-Sekte"), bei dem jede Unschuldsbeteuerung nur zur weiteren Festschreibung der Schuld führte, wurde von Enquete-Initiatorin Renate Rennebach auf Briefkopfpapier mit Bundesadler sogar noch gefeiert, quasi als Ergebnis ihrer umfassenden "Aufklärungs- und Informationsarbeit", die zu erhöhter "Aufmerksamkeit und Sensibilität" in der Bevölkerung geführt habe. Es wundert, daß sich trotz der wochenlangen Hinrichtung in den Medien kein "Sektenmitglied" in Teneriffa tatsächlich in den Selbstmord treiben ließ. Es gibt einige Beispiele von "Nicht-Sektierern", die sich ob ähnlicher Hetzjagden wirklich das Leben nahmen.

 Um Mißverständnissen vorzubeugen: Niemand kann ernsthaft gegen die Verhinderung eines Massenselbstmords sein, wenn tatsächlich einer geplant ist. Aber um diesen Aspekt geht es hier ganz offensichtlich nicht. Um was es hier geht, ist vielmehr: Wenn der "Hinweis aus der Bevölkerung" eine katholische Gruppierung betroffen hätte, oder irgendeine andere Gruppierung außerhalb des "Sektenspektrums", wäre man dann auch in der unglaublich menschenverachtenden Weise vorgegangen, wie im Teneriffa-Fall vorgegangen wurde? - Mit absolut nichts in der Hand außer einem "Hinweis aus der Bevölkerung"? Wohl kaum.

 "Teneriffa" hingegen steht heute ganz ohne Zweifel als Synonym für "verhinderter Massenselbstmord". SAT 1 benutzte den Vorfall in einer Dokumentation über eine andere "Sekte" bereits im April 1998 wie ein geflügeltes Wort: "Das könnte ein zweites Teneriffa geben."

 Kein Fehlen von Belegen, keine Gegenrede der Betroffenen, keine Wirklichkeit ist offenbar mächtig genug, der Sektenhysterie etwas entgegenzusetzen, ist sie erst einmal ausgebrochen.

 Insgesamt bleibt festzuhalten, daß die zuständigen Regierungsstellen gut beraten wären, Aussteigerberichten bei neuen religiösen Bewegungen zumindest kein anderes Gewicht zu geben als analogen Aussteigerberichten bei den etablierten Kirchen. Oder aber - dies ginge einen Schritt weiter - die Erkenntnisse der Wissenschaft bezüglich Apostasie und nicht zuletzt Vernunftsgebote zu berücksichtigen.

 

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